Kolumne

Fehler vermeiden

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Hierzulande entschuldigen sich die Menschen nur ungerne. Dabei könnten sie sich viel Verdruss sparen.

Es ist schwer, sich zu entschuldigen. Wir Deutschen sind darin keine Weltmeister. Bei den Polen haben wir achtzig Jahre gebraucht. Dann haben wir für den Zweiten Weltkrieg um Verzeihung gebeten. Im Alltag ist es nicht besser. Jeden Tag kann man es beobachten. Ein guter Ort ist die Bahn. Für mich ein deutsches Top-Unternehmen. Ein paar Minuten Verspätung sind mir egal. Meine Nachbarn im Speisewagen sehen es anders. Sie laufen rot an vor Wut. Es kann am Schaffner liegen. Er entschuldigt sich nicht für die Verspätung. Er kündigt an, dass die Anschlusszüge nicht erreicht werden.

Einmal sah ich ein Rennen auf der Straße des 17. Juni. Ein Auto hatte ein anderes geschnitten. Dem gefiel es nicht. Die Fahrer lieferten sich eine Verfolgungsjagd. Sie bremsten sich gegenseitig aus. Am Ende standen sie vor dem Brandenburger Tor und traten sich gegenseitig die Kotflügel und Autotüren kaputt. Irgendwann kam die Polizei. Im Verkehr entschuldigt sich niemand. Im Verkehr verzeiht niemand.

Letzte Woche bin ich fast überfahren worden. Ehrlich gesagt hatte ich mit dem Leben abgeschlossen. Ich fuhr mit dem Fahrrad geradeaus. Die Ampel zeigte grün. Ein Auto nahm mir die Vorfahrt. Die Stoßstange verfehlte mich um Millimeter. Der Sensenmann war ein BMW-Fahrer. Manche Klischees stimmen einfach. Natürlich entschuldigte er sich nicht. Natürlich sah er seinen Fehler nicht ein. Natürlich fing er an, mich anzubrüllen. Vollidiot war eines der weniger hässlichen Worte. Wer sich seine Fehler nicht eingesteht, macht noch mehr Fehler, um sie zu verbergen.

Manchmal tut mir Alexander Gauland leid. Vor ein paar Jahren hat er mit ein paar Kumpels aus dem bürgerlichen Lager eine Partei gegründet. Sie wollten den Euro verhindern. Aus der Partei wurde eine völkische Bewegung. Seine alten Gefährten haben die Partei verlassen, Gauland ist geblieben. Über seine Anhänger lässt sich sagen: Er ist ihr Führer, er muss ihnen folgen. Ein Fehler erzeugt den anderen Fehler. Irgendwann ist es zu spät. Es gibt keine Verzeihung mehr.

Eine besonders entschuldigungsresistente Branche ist die Medienindustrie. Wir schreiben jeden Tag die Zeitungen voll. Jeden Tag sind wir stolz auf unsere Meinung. Wir halten uns für wichtig. Einige halten sich sogar für unfehlbar. Wahrscheinlich gibt es in keiner Branche so viele aufgeblasene Wichtigtuer wie in unserer. Es ist eine Krankheit, die der Beruf mit sich bringt. Oder eine Voraussetzung.

Neulich bekam ich einen Leserbrief aus Freiburg. Ich hatte an dieser Stelle behauptet, in Freiburg habe man beim Fall der Mauer nur an die Kosten gedacht. Der Leser schrieb, das Gegenteil sei der Fall gewesen. Man habe sogar eine Feier veranstaltet. Das freut mich sehr. Aber auch mir fallen Entschuldigungen schwer.

Elton John hilft. Auf Youtube gibt es ein Video von ihm. Er sitzt an einem weißen Klavier und singt. Sein Pullover ist flauschig, später wird er von einer roten Jacke abgelöst. Sein Gesicht macht den Eindruck einer verknautschten Version von Philipp Lahm. Das Haar geht zurück. Die Falten werden tief. Sein Lied heißt „Sorry seems to be the hardest word.“ Frei übersetzt: Entschuldigung ist ein Wort, das nur schwer über die Lippen kommt.

Schon nach fünf Sekunden überschreitet das Lied die Kitschgrenze. Es zwingt zur Flucht nach vorne. Darum heißt diesmal die gute Nachricht im Jahr der frohen Kolumne: Entschuldigung Freiburg! Aber das nächste Mal höre ich wieder „Rocket Man“. Ist auch von Elton John. Nur besser.

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