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Indien leidet derzeit besonders unter Corona.
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Indien leidet derzeit besonders unter Corona.

Gastbeitrag

Corona in Indien: „Die Pandemie ist erst dann vorbei, wenn sie überall vorbei ist“

  • VonOmid Nouripour
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Es ist richtig, Indien in der Corona-Not zu helfen. Es muss aber auch über die Fehler gesprochen werden, um die Verbreitung von Virusmutationen aufzuhalten. Der Gastbeitrag.

Frankfurt/Neu-Delhi – In den vergangenen Tagen gingen Interviews von indischen Ärztinnen und Ärzten um die Welt, die erklärten, dass man auf ihrer Intensivstation für alle Corona-Patienten noch Sauerstoff für 30 Minuten habe. Die Bilder von doppelt belegten Krankenhausbetten und von Menschen, die in Autos liegend mit Sauerstoff notversorgt werden, haben wir alle gesehen.

Rund 350 000 Neuinfektionen werden pro Tag aus Indien gemeldet. Das ist die höchste Zahl täglicher Corona-Neuinfektionen pro Land weltweit. Expertinnen und Experten gehen davon aus, dass der Höchststand damit noch nicht einmal erreicht sei. Und dabei steht das Gesundheitssystem schon jetzt vor dem Kollaps.

Corona-Lage in Indien: Gänzlich anders, als Expertenkommission voraussagte

Mit Beginn der Pandemie vergangenes Jahr hatte Indien das Infektionsgeschehen durch Einreise- und Ausgangssperren kontrollierbar gemacht, obwohl eine hohe Dunkelziffer bei Infektionen und coronabedingten Todesfällen vermutet wird. Eine Expertenkommission ging davon aus, dass die Pandemie im Februar 2021 komplett unter Kontrolle sei.

Nun stellt sich die Lage in Indien gänzlich anders dar: Die neu aufgetretenen Virusmutationen haben eine viel durchschlagendere Infektionswelle ausgelöst, da sich jetzt vor allem junge Menschen infizieren. Das ist in einem Land, das eine so junge Bevölkerungsstruktur aufweist wie Indien, besonders tückisch.

Covid-19 in Indien: Nur wenige können sich Social Distancing leisten

Die Pandemie trifft das gesamte Land mit aller Härte und die vielen Armen besonders brutal. Nur einige wenige sehr reiche Inderinnen und Inder können sich das social distancing oder im Falle einer Infektion eine Behandlung in einem Privatkrankenhaus überhaupt leisten.

Die indische Mittelschicht hat kaum eine Möglichkeit, sich im Beruf, im Straßenverkehr oder in einer anderen Facette des sozialen Lebens physisch zu distanzieren. Gerade in Megametropolen wie Mumbay, Kolkata oder Neu-Delhi ist die Lage besonders dramatisch. Das erstaunt in einem der bevölkerungsreichsten Länder der Welt kaum, lässt aber erschüttert auf die Ärmsten der Armen im Land blicken.

Corona-Pandemie in Indien zeigt Ungleichheit alter Kastengrenzen auf

Offiziell ist das Kastensystem in Indien längst abgeschafft. Und doch spiegelt sich die Pandemie genau in der Frage von Ungleichheit entlang alter Kastengrenzen: Während in Privatkrankenhäusern Ärztinnen und Ärzte bestens ausgestattet sind und Leben retten können, werden Intensivstationen am Ende des Tages von Personal gereinigt, dem nicht einmal einfache OP-Masken zur Verfügung stehen. Solche Beispiele sind zahlreich.

Menschen, die in kritischen, systemrelevanten Bereichen arbeiten, die das Funktionieren der Gesellschaft ermöglichen, die durch ihre Arbeit sogar das Lebenretten ermöglichen, werden selbst nicht geschützt. Diese Menschen sind zumeist Kastenlose, Dalit, die „Unberührbaren“. Sie gehen nach alter Art des Kasten-Denkens „unreinen“ Berufen nach, wie etwa Müllentsorger, Wäscher, Kanalarbeiter oder Putzkräfte. Social distancing ist da unmöglich und gleichzeitig sind sie einem besonders hohen Infektionsrisiko ausgesetzt. Wenn man diese Menschen nicht schützt, kann man das Land nicht schützen. Denn ein Virus macht nicht vor einer Kaste halt.

Massenveranstaltungen während Corona in Indien: Deutschland muss klare Appelle senden

Dass Deutschland und andere Nationen Unterstützung versprochen haben und bereits Sauerstoff und Beatmungsgeräte nach Indien senden, ist absolut richtig. Doch wir müssen auch auf diese gravierenden Missstände aufmerksam machen.

Ebenso muss die Bundesregierung mit ihren Hilfslieferungen einen weiteren klaren Appell an Neu-Delhi richten: In den vergangenen Monaten hat die hindu-nationalistische Regierung religiöse Massenveranstaltungen und Großhochzeiten trotz aller Warnungen zugelassen. Diese wurden am Ende zu Superspreader-Events.

Zur Person

Omid Nouripour ist Grünen-Bundestagsabgeordneter und außenpolitischer Sprecher der Fraktion.

Corona in Indien: Deutliche Kommunikation ist im Interesse aller

Solche Zugeständnisse aus innen- und machtpolitischen Gründen darf es vor dem Hintergrund eines globalen Pandemiegeschehens nicht geben. Genau diese Mischung aus Fatalismus und Ignoranz begünstigt die Entstehung immer neuer, immer gefährlicherer Virusmutationen, sei es in Indien, sei es in Brasilien.

Eine deutliche Kommunikation gegenüber diesen Regierungen ist im Interesse aller: Wenn der Verbreitung der gefährlichen Virusmutationen nicht Einhalt geboten wird, werden sich diese weltweit verbreiten und auch uns in Europa erreichen.

Wir können es uns nicht leisten, einfach zuzusehen. Denn nach wie vor gilt, was wir alle schon zu Beginn der Pandemie wussten: Die Pandemie ist erst dann vorbei, wenn sie überall vorbei ist. (Omid Nouripour)

In Indien breitet sich eine sogenannte Corona-Doppelmutante aus. Das dortige Gesundheitssystem droht unter der Last der Infektionen zusammenzubrechen.

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