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Die Faszination eines Großmauls

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Von: Harry Nutt

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Muhammad Ali bleibt für viele einfach der Größte.

Für die einen war er das liebenswürdigste Großmaul, für andere war er schlicht, als was er sich selbst sah: Muhammad Ali, einfach nur der Größte. Und das nicht nur in seiner Sportart. Die Schriftstellerin Joyce Carol Oates weigerte sich, Boxen als Sport zu betrachten. Man spielt Fußball, schrieb sie in ihrem Essay „On boxing“, aber man spielt nicht Boxen. Es ging natürlich um mehr. Und Muhammad Ali war der große Poet dieser einzigartigen Dramatisierung der menschlichen Existenz. Aber er war auch ein Dichter, der Erfinder des RAP, Ali war Pop.

Der „Deutschlandfunk“ versucht sich an einer Interpretation der Bedeutung der Jahrhundertfigur: „Doch in dieser Epoche wurde der Faustkampf zum Gewalt-Pop, und wie eine klaffende Platzwunde an der Schläfe eines Boxers bleibt die blutige Frage offen, welche sozialpsychologischen Tatsachen dafür ausschlaggebend sind und waren. Die amerikanische Schriftstellerin Joyce Carol Oates hat sich in einem buchlangen Essay damit beschäftigt – und damit zugleich zur kulturellen Nobilitierung des Boxsports beigetragen, ungefähr so, wie sich heute jeder zweite Feuilletonist als Fußballfan und –experte outet. Die aberwitzige Anthropologie des Boxens besteht in einer gewissen Entlastung vom Zivilisationsstress. Während die Zügelung des Zuschlagreflexes unseren Alltag bestimmt, kann man als Zuschauer eines großen Fights stellvertretend seinen inneren Urmenschen sich austoben lassen. Außerdem gewährt der Anblick von realem Schmerz und realem Blut ein wenig Halt in einer immer irrealer werdenden Welt. Die postmoderne Zersetzung des Wirklichen hat seit den 1980er-Jahren zu einer Sehnsucht nach Körpererfahrungen geführt und eine ganze Schmerzliteratur hervorgebracht. In diese Zeit fällt eine zweite Boxrenaissance bei uns, als Cassius Clay alias Muhammad Ali bereits zum Monument des Radical Chic geworden war.“

In der Welt erinnert sich der Leipziger Schriftsteller Clemens Meyer: „Das erste Mal hörte ich als Kind von Muhammad Ali, als mein Opa im Fernsehen Amateurboxen schaute, ich glaube es war der Chemiepokal, und vom großen Kubaner Teofilo Stevenson schwärmte. Das wäre ein Kampf gewesen, meinte er, der Amateurstar und Ali. Zwei Künstler im Ring. Aber Teofilo Stevenson blieb in Kuba. Was sind Millionen Dollars gegen die Herzen von Millionen Kubanern? Und Ali wollte einfach nicht zurücktreten. Als er 1996 langsam, ganz langsam die olympische Flamme entzündete, waren wir zu Tränen gerührt, war die Welt zu Tränen gerührt. Das schlug fast Big Georges legendäres Comeback und Big Georges Grill! Ali ließ noch einmal die Hände tanzen, schlug seine gefürchteten Kombinationen in die Luft. ‚No one can beat Father Time‘ ist ein geläufiger Spruch über alternde Boxer. Aber einer konnte es. Muhammad Ali. Der Größte.“

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