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Björn Höcke war einer der Gewinner der Wahlen in Thüringen.

Faschismus

Die neue Rechte bekämpfen – und zugleich nach gesellschaftlichen Ursachen suchen

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Widerstand gegen faschistische Tendenzen ist nötig. Man muss aber auch die Ursachen für den Erfolg der Rechten kennen. Der Leitartikel von Stephan Hebel.

Tja, Thüringen. Erinnert sich jemand? Das war das kleine Bundesland, wo die AfD fast ein Viertel der Wählerinnen und Wähler überzeugt hat, 23,4 Prozent. In Sachsen, ein paar Wochen davor, waren es sogar 27,5 Prozent, in Brandenburg 23,5. Dieses Wahljahr wird in Erinnerung bleiben als der Moment, in dem der Partei gewordene Rassismus in der Bundesrepublik Deutschland zur traurigen Normalität geworden ist.

Diese Erkenntnis ist keineswegs neu. Aber die Debatte darüber, wie dem Aufstieg der extremen Rechten zu begegnen sei, ist ja nicht vorüber, im Gegenteil. Und es haben sich in ihr Frontstellungen ergeben, die dem Antifaschismus nicht unbedingt guttun. Aber das lässt sich womöglich ändern.

Als das Ergebnis der Thüringen-Wahl am 27. Oktober feststand, bemerkte Charlotte Knobloch, die ehemalige Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland: „Wer heute die AfD gewählt hat, wusste genau, was er tat.“ Dieser Hinweis ist in jüngster Zeit immer häufiger zu hören, und er richtet sich eindeutig gegen die „unzähligen Naziversteher in Politik, Medien und dem Staatsapparat“ (so das Online-Magazin „Telepolis“). Es könnte doch jetzt „mal zur Abwechslung das Gerede von den ,besorgten Bürgern‘ und ihren ,berechtigten Ängsten‘ eingestellt – und eine andere, konsequente Taktik gegenüber der anschwellenden braunen Brut verfolgt werden“. So der „Telepolis“-Autor.

Verständnis für AfD-Wähler wäre fehl am Platz

Ja, es stimmt: Natürlich wissen die Wählerinnen und Wähler der AfD, was sie tun. Umfragen zeigen, dass immer mehr von ihnen diese Partei nicht trotz, sondern wegen ihrer fremden- und minderheitenfeindlichen Inhalte wählen. Zu entschuldigen gibt es also nichts, Verständnis wäre fehl am Platz. Und endgültig aufhören sollten die Versuche regierender Politiker, der AfD den Anhang durch Anleihen bei ihrer Programmatik streitig zu machen. In der Migrationspolitik hat sich schließlich gezeigt, dass die Unbelehrbaren dann doch dem Original den Vorzug geben.

Allerdings: So notwendig der harte Kampf gegen faschistische Tendenzen ist, so berechtigt Signale sind wie die Abwahl des Rechtsausschuss-Vorsitzenden Stephan Brandner, so notwendig und berechtigt bleibt es eben auch, nach gesellschaftlichen Ursachen zu suchen. Der Versuch, zu verstehen, hat mit Verständnis nichts zu tun.

Mit der Gleichung „Arm gleich rechts“, die ja durch die demoskopischen Befunde gar nicht gedeckt ist, hat das nichts zu tun. Es geht auch nicht darum, die lange erwiesene Verbreitung menschenfeindlicher Weltbilder durch den Verweis auf soziale Verwerfungen auch nur im Ansatz zu entschuldigen. Es geht aber sehr wohl darum, den Aufschwung des politischen Rassismus zu erklären – nicht statt ihn zu bekämpfen, sondern um ihn besser bekämpfen zu können.

Adorno empfahl, die Lügen der rechten Einpeitscher gewissenhaft zu widerlegen und entschieden zu bekämpfen

Der große Gesellschaftstheoretiker Theodor W. Adorno hat vor mehr als 50 Jahren gezeigt, wie eine Ursachenforschung ohne jede Rechtfertigung funktioniert. Arno Widmann fasste das auf fr.de kürzlich so zusammen: „Adorno spricht zum Beispiel vom Gefühl der Deklassierung, das die Rechtsradikalen ergriffen habe. (…) Die Menschen, die zwar noch in Arbeit sind, sich aber dennoch als potenziell überflüssig begreifen, erliegen nicht einer gesellschaftsfeindlichen Agitation, sondern sie haben ihre Lage erkannt. Allerdings verkennen sie diese sofort wieder, wenn sie sie einzubetten versuchen in die Ideologie eines längst überholten Nationalismus.“

Das war 1967, und es sollte auch heute nicht tabu sein, das „Gefühl der Deklassierung“, das keineswegs nur die bereits Deklassierten erfasst, im Zusammenhang mit der Politik des Ressentiments zu sehen. Adorno tat das selbstverständlich nicht, um irgendjemanden zu entlasten. Er empfahl vielmehr, die Lügen der rechten Einpeitscher gewissenhaft zu widerlegen und sie entschieden zu bekämpfen: Ein „zuschauerhaftes Verhältnis zur Wirklichkeit“, wie er es nannte, war Adornos Sache natürlich nicht.

Ursachenforschung ist kein Hindernis für den Kampf gegen rechts

Gegen Rassismus und Faschismus zu demonstrieren und sie wo immer möglich in die Schranken zu weisen, bleibt auch heute das Gebot der Stunde. Aber gefährlich wäre es, dabei den Blick für das gesellschaftliche Umfeld zu verlieren. Gerade solche Antifaschistinnen und Antifaschisten, die sich als Linke definieren, sollten die politisch Verantwortlichen nicht zu schnell entlassen aus ihrer Mitschuld an einem gesellschaftlichen Klima, in dem Fremdenfeindlichkeit von Vertretern etablierter Parteien teils bedient und der eigene Vorteil über die Empathie für Benachteiligte gestellt wird – nicht nur von der AfD.

Die Kunst kann nur darin bestehen, die neue Rechte mit aller Kraft zu bekämpfen, sogar gemeinsam mit politisch Andersdenkenden – und zugleich Ursachen wie Verantwortliche für die Enttabuisierung des Ressentiments in der Öffentlichkeit zu benennen. Niemand hat gesagt, dass das einfach ist. Aber Ursachenforschung ist eben kein Hindernis für den Kampf gegen rechts – sondern eine seiner wichtigsten Voraussetzungen.

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