Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Hegel ist vor gut 190 Jahren gestorben. Ein Skulptur von Daniel Stocker aus dem Jahr 1905, die den Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel darstellt, steht auf einem Sockel an der Fassade des Rathauses in Stuttgart.
+
Hegel ist vor gut 190 Jahren gestorben. Ein Skulptur von Daniel Stocker aus dem Jahr 1905, die den Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel darstellt, steht auf einem Sockel an der Fassade des Rathauses in Stuttgart.

Leitartikel

Habeck und die Last der Verantwortung

  • Andreas Niesmann
    VonAndreas Niesmann
    schließen

Ähnlich wie sein Vor-Vor-Vorgänger als Wirtschaftsminister startet Robert Habeck mit großem Einfluss und noch größeren Erwartungen in sein neues Amt. Der Leitartikel.

Wiederholt sich Geschichte? Der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel war sich da sicher. Er hatte bemerkt, dass die römische Republik zwei Mal untergehen musste, Napoleon doppelt in die Verbannung geschickt wurde, und auch die Bourbonen in Frankreich erst im zweiten Anlauf von der Macht vertrieben werden konnten.

Hegel ist vor gut 190 Jahren gestorben, an dem was sich gerade unweit seiner letzten Ruhestätte entfernt im Bundeswirtschaftsministerium ereignet, hätte er aber mutmaßlich seine wahre Freude. Nicht, weil der neue Hausherr ein Doktor der Philosophie ist, sondern weil die Voraussetzungen, unter denen er sein Amt antritt, auf fast schon verblüffende Weise denen des Vor-Vor-Vorgängers ähneln.

Der neue Minister war Parteichef und hat auf die Kanzlerkandidatur verzichtet. Er hat nach der Wahl seine Karten gut ausgespielt und ist nun Vizekanzler eines Regierungsbündnisses, mit dem kaum jemand ernsthaft gerechnet hätte. Er hat seinen Zuständigkeitsbereich um wichtige Teile des Umweltministeriums erweitert. Und er hat sich eine der größten Herausforderungen auf die Schultern geladen, die in der deutschen Politik zu vergeben sind.

Sigmar Gabriel oder Robert Habeck? Die Beschreibung passt auf beide. Hinsichtlich rhetorischer Fähigkeiten, persönlicher Ambitionen und verletzlicher Eitelkeit lassen sich mühelos weitere Parallelen finden. Und selbst die wichtigste Personalfrage, die des Energiestaatssekretärs, haben der Grüne und der Rote auf die gleiche Art gelöst – und einfach den jeweiligen Chef der Denkfabrik Agora Energiewende engagiert.

Einen wichtigen Unterschied allerdings gibt es. Als Sigmar Gabriel 2013 Wirtschaftsminister wurde, ging es vordringlich darum, die explodierenden Kosten der Energiewende in den Griff zu bekommen und die Wettbewerbsfähigkeit der stromintensiven Industriezweige zu sichern. Es ging vor allem um Geld.

Für Robert Habeck ist die wichtigste Aufgabe, den Ausstoß des Klimagases CO2 zu senken. Der Grünenpolitiker muss Deutschland auf den Pfad des Pariser Klimaabkommens zurückbringen. Und er muss die Weichen dafür stellen, dass eine klimaneutrale Wirtschaft bis 2050 von der Vision zur Realität wird. Es ist nicht übertrieben, von der größten industriepolitischen Aufgabe seit der Wiedervereinigung zu sprechen. Und es scheint klar, dass die Ampelkoalition deren Bewältigung nicht am Geld scheitern lassen wird.

Als Habeck seine Eröffnungsbilanz und sein Programm vorgestellt hat, war ihm die Last der Verantwortung anzusehen. Als früherer Energiewendeminister Schleswig-Holsteins weiß er genau, dass die eigentliche Herausforderung nicht im Formulieren von Koalitionsverträgen oder dem Aufpinseln schwarzer Linien und grüner Balken in hübsche Infografiken liegt. Habeck muss die Menschen gewinnen, wenn er sein Zeil erreichen will, „in allen Bereichen drei Mal besser“ zu werden.

Er hat das präzise beschrieben. Nicht die technische Debatte ist das Problem, sondern die soziale, die kulturelle – die zwischen Land und Stadt, Nord und Süd, Ost und West.

Vielleicht braucht es tatsächlich einen Philosophen, um die unterschiedlichen Interessen auszugleichen und um dafür zu sorgen, dass die Gesellschaft angesichts der gewaltigen Umwälzungen nicht weiter auseinanderdriftet.

Habeck hat klargemacht, dass er keine Risiken scheut. Er sei nicht Minister geworden, um nichts zu tun, hat er gesagt. Das mag eine notwendige Bedingung für den Erfolg sein, eine hinreichende ist es noch nicht, wie das Beispiel Sigmar Gabriel zeigt. Auch der war nach der Amtsübernahme mit großem Eifer gestartet und musste bald erkennen, wie massiv die Widerstände waren. Nach gut drei Jahren als Wirtschaftsminister flüchtete Gabriel schließlich ins Auswärtige Amt.

Wiederholt sich Geschichte? Philosoph Habeck wird wissen, dass das umstritten ist. Er muss es jetzt mit Karl Popper halten, der die Thesen Hegels als Historizismus verspottete. Und er muss Karl Marx fürchten. Hegel habe bei der These, dass sich Geschichte wiederholt, einen wichtigen Zusatz vergessen, stellte Marx seinerzeit fest: „Das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce.“ Es wäre gut, wenn sich Letzteres nicht bewahrheiten würde. Für Robert Habeck. Und für das Klima.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare