Kolumne

Familienglück mit Pfand

  • schließen

Die Schlange am Flaschenautomaten stellt nur einen kleinen Teil der neuen Berliner Großstadtkultur dar. Ihr Motto: Kein Platz.

Berlin wächst. Laut dem Amt für Statistik Berlin-Brandenburg hat die Stadt in den vergangenen fünf Jahren knapp 150 000 Menschen dazugewonnen. Ich hätte auf deutlich mehr getippt. 150 000 Leute stehen schließlich allein schon immer in meinem Supermarkt in der Schlange vor dem einzig funktionierenden Pfandflaschenautomaten.

Vielleicht sind seit 2015 aber auch deutlich mehr Menschen nach Berlin gezogen und wir wissen es nur nicht, weil sie immer noch auf einen Termin beim Bürgeramt warten, um sich endlich anmelden zu können.

Jedenfalls wird die Stadt immer voller. Viele neue Wohnquartiere sind quasi über Nacht entstanden. Da, wo gestern noch ein Park, ein Industriegebiet oder eine drei Quadratmeter große Baulücke war, wohnen jetzt auf einmal sehr viele Menschen in diesen modernen Neubauten. Sie wissen schon, die mit den aquariumsartigen Riesenfenstern. Man muss nur einmal abends an einem solchen Haus vorbeifahren und weiß danach alles über den Einrichtungsstil, die Ordnungsliebe, das Familienleben und den Unterwäschegeschmack seiner Bewohner.

Da es in diesen Neubaugebieten noch keine vernünftige gastronomische Infrastruktur und auch keine Pfandflaschenautomaten gibt, wird es in den umliegenden Kiezen immer gedrängter. Überall müssen wir nun reservieren, uns anstellen, einreihen, warten oder zurückstecken. Egal, ob für einen Burger oder eine Mietwohnung. Was bleibt uns also anderes übrig, als in diesen politisch turbulenten Zeiten mit gutem Beispiel voranzugehen und geradezu streberhaft der allgegenwärtigen Forderung nachzukommen, die Gesellschaft wieder enger zusammenrücken zu lassen?

Genau das tun wir nun. Zusammen mit Touristen und E-Tretrollern kuscheln wir uns auf den Bürgersteigen zusammen. In Restaurants sitzen wir gemeinsam an Tischen mit fremden Paaren oder ersten Tinder-Dates. In überfüllten Arztpraxen warten wir so lange eng beieinander, bis wir auch wirklich alle Viren und Bakterien untereinander ausgetauscht haben.

Wenn wir mit unseren Partnerinnen und Partnern zusammenziehen, dann suchen wir nicht mehr nach vier Zimmern mit Badewanne und Balkon, sondern bleiben in unserer 48-Quadratmeter-Wohnung und räumen für den anderen ein paar Schränkchen frei. Wir rücken so eng zusammen, dass wir in der Stadt alle eine große Familie werden. Und wie große Familien so sind, streiten wir uns dann zwar nicht weniger, müssen uns aber trotzdem noch alles teilen.

Das sorgt einerseits für zunehmenden Stress, andererseits werden wir aber dadurch ständig mit anderen Menschen konfrontiert und können eigentlich gar nicht anders, als immer mehr Toleranz zu entwickeln. Je enger die Stadt wird, desto mehr bekommen wir mit von anderen Lebensweisen und Ansichten. Ohne eine Entspanntheit im Umgang mit dem Fremden käme man in Berlin nicht weit. Diese Entspanntheit hilft uns persönlich, ist aber auch eine Grundvoraussetzung für eine Gesellschaft, die sich nicht über Angst oder Wut definiert.

Vielleicht ist das auch der Grund für diese riesigen Aquariumsscheiben. Wenn wir unsere Nachbarn jeden Abend im Wohnzimmer sehen können, entwickeln wir mehr Verständnis für ihren wirklich zweifelhaften Unterwäschegeschmack. Und für vieles andere hoffentlich auch.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare