Viktor Funk ist Redakteur der Politikredaktion der Frankfurter Rundschau.
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Viktor Funk ist Redakteur der Politikredaktion der Frankfurter Rundschau.

Analyse

Falsches Spiel mit dem Nationalen

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Der Konflikt in Kirgistan wurzelt auch in der Geschichte. Die UdSSR betrieb in Zentralasien eine absurde Ethnienpolitik. Von Viktor Funk

Wie viele Menschen in den vergangenen Tagen in Kirgistan tatsächlich ermordet oder verletzt wurden, lässt sich nicht mit Bestimmtheit sagen. Fest steht nur: Es wird weitere Opfer geben. Die Ursachen für die Eskalationen in den zentralasiatischen Republiken sind einfach zu komplex. Wer sie aus der Welt schaffen will, braucht viel Zeit; er muss vor allem verstehen, worin die Gründe für die Auseinandersetzungen bestehen und woher sie stammen. Die Gewalt in Kirgistan ist das Erbe der Sowjetunion und ihrer willkürlichen Nationalitätenpolitik. Sie ist zugleich Mahnung, die Ordnungsidee "Nation" oder "Ethnie" zu überdenken.

Nichts illustriert die Absurdität im Prozess der zentralasiatischen Nationen-Bildung besser als die Kultur- und Sprachenpolitik der Sowjetunion. Überall, auch in den Gebieten des heutigen Kirgistans und Usbekistans, mussten die Menschen 1926 aus einer Liste von 194 Ethnien die eigene auswählen. So hatten es die neuen bolschewistischen Machthaber im fernen Moskau bestimmt. Millionen, die eine Entscheidung darüber zu fällen hatten, wer sie sind, waren Analphabeten. Ihre kulturelle Identität war eine Identität der Clans, die regional begrenzt ihre Traditionen pflegten. Gemeinsam war ihnen nur die Zugehörigkeit zum Islam sunnitischer Prägung.

Ende der 20er Jahren mussten alle Menschen in Zentralasien ein neues lateinisches Alphabet für ihre Sprachen lernen, da die Bolschewiken mit einer baldigen Weltrevolution rechneten. Weil aber nicht nur die auf sich warten ließ, sondern so ein Riesenreich wie die Sowjetunion effektive Kommunikationssysteme brauchte, entschieden die Machthaber im Kreml 1940 sämtliche der 200 Sprachen im Reich auf das Kyrillische umzustellen und setzten das Russische immer aggressiver als Verwaltungssprache durch. Usbeken und Kirgisen hatten nun die neue Sprache und das neue Alphabet für die eigenen Sprachen genauso zu lernen wie vorher das lateinische.

Bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion stand im Pass eines jeden Einwohners, dass er erstens sowjetischer Staatsbürger ist und zweitens eine usbekische oder kirgisische oder ukrainische Nationalität hat. Das zweite Kriterium war für die berufliche oder politische Karriere oftmals entscheidender als irgendwelche Qualifikationen. Das säte Vorurteile und Zorn.

Mitte der 80er Jahre zogen in Kasachstan Kasachen auf die Straße. Sie protestierten dagegen, dass zu viele wichtige Positionen mit Russen besetzt waren. Der Aufruhr breitete sich auch in anderen Republiken aus; die Sowjetunion bekämpfte ihn mit Panzern. Das nährte den Hass auf alles Nicht-Nationale, ohne dass sich jemand fragte, wie die Nationen entstanden waren.

Der Zusammenbruch der Sowjetunion führte zu massiven wirtschaftlichen Problemen in den beiden landwirtschaftlich geprägten Republiken Kirgistan und Usbekistan und zu einem Identitätsverlust. Radikalnationale und islamistische Führer hatten ein leichtes Spiel und fanden Anhänger insbesondere unter jungen Männern.

Ob auch der gestürzte kirgisische Präsident Kurmanbek Bakijew diesen Frust nun instrumentalisiert und über die "Ethnie" kanalisiert, muss noch bewiesen werden. Diese vereinfachende Schuldzuweisung verschleiert die komplexen Probleme der willkürlich konstruierten "Nation" Kirgistan.

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