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Zu 40 Jahren Haft verurteilt: Radovan Karadzic (2. von rechts).

Karadzic

Falsches Geschichtsbild

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Der bosnische Serbenführer Radovan Karadzic soll für 40 Jahre in Haft. Doch Urteile des Haager Tribunals sind in dem Streit der einstigen Kriegsparteien immer nur Munition für die jeweils andere Seite. Ein Kommentar.

Dass Radovan Karadzic als Kriegsverbrecher verurteilt und das Gefängnis für den Rest seines schon 70-jährigen Lebens nicht mehr verlassen würde, musste jedem klar sein, der den Prozess des Haager Kriegsverbrechertribunals verfolgt hat.

Schleierhaft bleibt, was in Bosnien den „Umschwung“ bewirken sollte. Urteile des Tribunals sind in dem andauernden Streit der einstigen Kriegsparteien immer nur Munition für die jeweils andere Seite.

Auch die Zeit, 20 Jahre seit dem Krieg, macht nichts besser. Im Gegenteil: Vor zehn Jahren bestand noch mehr Bereitschaft, die eigene Nationalgeschichte ein bisschen zu revidieren.

Der Präsident der serbischen Republik in Bosnien, Milorad Dodik, hat, obwohl seinerzeit ein erklärter Kriegsgegner, noch nie so anerkennend über den Staatsgründer Karadzic gesprochen wie heute.

In Serbien regiert heute ein einstiger Minister von Slobodan Milosevic. In Kroatien feiern Nationalismus und Serbenhass fröhliche Urständ.

Die Zerreißung Jugoslawiens und Bosniens, vieler Städte, Familien, erscheint aus der Rückschau der neuen Staaten nicht als Zerstörungs-, sondern als Gründungswerk. Wer dafür verurteilt wird, ist ein Märtyrer. Nur Verlierer widersprechen.

Solange der Fatalismus der Geschichte nicht in Frage steht, muss Läuterung ausbleiben.

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