Leitartikel

Der falsche D-Day

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Theresa May und Donald Trump setzen eine nationalistische Politik um. Nun erinnern sie an die Landung der alliierten Truppen in der Normandie. Da passt was nicht zusammen.

Donald Trump kann zufrieden sein. Die Briten hatten ihm versprochen, er werde am 75. Jahrestag des D-Days das „größte britische Militärspektakel der jüngeren Geschichte“ im Ärmelkanal erleben. Und das haben sie auch geliefert. Einmal mehr erwiesen die Briten sich als verlässliche Verbündete, auch was den Pomp angeht.

Nie aber hatte das Gedenken an den 6. Juni 1944 einen so hohlen, unechten Beiklang wie ausgerechnet jetzt, am 75. Jahrestag. Was sind das für Redner, die diesmal auf den gemeinsamen Kampf für das Gute hinweisen? Donald Trump treibt weltweit einen neuen Nationalismus an. Mit einer bei US-Präsidenten nie da gewesenen Feindseligkeit behandelt er das freie Europa, für dessen Freiheit seine Landsleute 1944 zahlreich gestorben sind. Die Frau an seiner Seite, die britische Premierministerin, steigert noch den Eindruck des Makabren. Theresa May hat sich vom Amtsantritt bis zu ihrem bereits verkündeten jämmerlichen Rücktritt auf nichts anderes konzentriert als eine neue Abspaltung ihres Landes von der restlichen Europäischen Union.

In Washington wie in London geht derzeit der Trend in Richtung Alleingang und Rückzug aus der Welt. Der 93 Jahre alten Königin Elizabeth II. blieb es vorbehalten, die jüngeren Leute um sie herum, darunter den 72 Jahre alten Trump, bei einem Toast im Buckingham Palast an etwas zu erinnern, das gerade in Vergessenheit zu geraten droht: „Wir haben nach dem Zweiten Weltkrieg gemeinsam internationale Institutionen geschaffen, um sicherzustellen, das sich die Schrecken eines Kriegs nicht wiederholen.“

Stimmt, da war doch was. Die Vereinten Nationen zum Beispiel. Die Welthandelsorganisation. Die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa. Die Nato. Aus irgendeinem Grund, man glaubt es kaum, bekam die Europäische Union vor sieben Jahren sogar den Friedensnobelpreis.

All dies aber ist in der von Trump dominierten neuen Welt altes Denken: Multilateralismus? Das ist kompliziert und führt zu nichts – allein im Nationalen liegt die Zukunft.

Wer so denkt, sollte aus Gründen der Pietät den Gräbern der 1944 Gefallenen besser fernbleiben. Auch Franzosen, Kanadier und Polen verließen damals im Kugelhagel die Landungsboote. Sie alle haben in einer multinationalen Anstrengung an der Seite von US-Amerikanern und Briten die auf internationale Zusammenarbeit orientierte Welt geschaffen, in der wir seit 75 Jahren leben. Und sie hätten Besseres verdient von der heutigen Politikergeneration als das, was derzeit in Washington und London geboten wird.

Trump scheint nicht zu begreifen, was seine Politik schon alles angerichtet hat. Ein US-Präsident, der die Vereinten Nationen schwächt, der rund um den Globus den freien Handel bedroht, das Nato-Bündnis in Zweifel zieht, gegen Russland Sanktionen verhängt und zugleich in einen Handelskrieg mit China einsteigt, verändert die Welt – und zwar auf eine sogar für die USA selbst am Ende negative Weise.

Leise knirschend verändert sich gerade die Tektonik der Weltpolitik. In diesen Tagen besucht der chinesische Präsident den russischen Präsidenten. Es ist bereits das 29. Treffen zwischen Wladimir Putin und Xi Jinping. Anders als Trumps Amerika fahren Russland und China eine auf lange Sicht angelegte Strategie. Weil Trump beide ökonomisch unter Druck setzt, zwingt er nun den Drachen und den Bären auf gemeinsame Wege.

Was, wenn daraus eine Allianz der Autokraten wird, die sich erlaubt, künftig einfach mal das Weltgeschehen zu diktieren, gestützt auf Russlands Raketen und Chinas Finanzmacht und Technologie?

Man wird das ungute Gefühl nicht los, dass in Washington und London niemand mehr ist, der in solchen strategischen Kategorien zu denken vermag. Die Brexit-Kampagne und der Trump-Wahlkampf haben aus zwei strahlenden Mutterländern der Demokratie Heimstätten eines dumpfen Rechtspopulismus gemacht.

Viele US-Amerikaner und viele Briten machen heute dicht, sie ziehen die Decke über den Kopf und wünschen dem Rest der Welt nur noch alles Gute. Hätte auch vor 75 Jahren in Washington und London solches Denken dominiert, hätte Hitler gewonnen.

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