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Detmold: Die Angeklagten stehen im Gerichtssaal des Landgerichts nebeneinander. Im Lügde-Missbrauchsprozess sind die beiden Männer zu hohen Haftstrafen verurteilt worden.

Missbrauchsfall

Fall Lügde: Im Namen der Kinder

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Das Urteil im Missbrauchsfall von Lügde macht das Versagen von Polizei und Behörden nicht vergessen. Sie müssen verloren gegangenes Vertrauen erst wiederherstellen. Das wird nicht leicht. Der Leitartikel.

Die Richter am Landgericht Detmold haben zwei Männern, die über Jahre hinweg Dutzende Kinder sexuell missbraucht haben, einen kurzen Prozess gemacht. 298 Straftaten gegen den Hauptangeklagten wurden in knapp zweieinhalb Monaten abgehandelt, den jungen Opfern blieb eine Aussage vor Gericht erspart. Und das Urteil fällt so hart aus, wie es die Gesetze in Deutschland eben ermöglichen: Die Täter werden in ihrem Leben nicht mehr auf freien Fuß kommen. Die Richterin sprach von einem „außergewöhnlichen Leid“, das die beiden verurteilten Männer Kindern angetan hätten. Die Justiz also hat funktioniert im Missbrauchsfall von Lügde.

Das sollte selbstverständlich sein in einem Rechtsstaat – aber die immer neuen Horrorgeschichten vom Wohnwagen mit Bretterverschlag, in dem Kinder gequält wurden, haben viele Selbstverständlichkeiten zerstört.

Dem Staat und seinen Organen möchte man nur gern vertrauen. Man kann es aber nicht immer, sie haben ausgerechnet dann versagt, als es um den Schutz der wehrlosesten Mitglieder der Gesellschaft ging. Mit Lügde wird daher immer eine tiefe Verstörung und Fassungslosigkeit verbunden sein. Daran kann auch ein noch so hartes Urteil gegen die Täter und ihre Sicherungsverwahrung nichts ändern.

Solch ein Fall darf sich nicht wiederholen

Der Kinderschutz in Deutschland wird künftig in eine Zeit vor und nach Lügde eingeteilt werden. Auf den Behörden, der Polizei und allen, die mit Kindern zu tun haben, ruht jetzt eine neue Last: Ist künftig wirklich ausgeschlossen, dass Jugendamtsmitarbeiter schutzbefohlene Kinder in falsche Hände geben? Ist ausgeschlossen, dass sie alle Hinweise auf Missbrauch ignorieren? Ist wirklich ausgeschlossen, dass die Polizei Hinweise auf solch grauenvolle Taten auf die leichte Schulter nimmt und am Ende sogar bei der Beweissicherung schlampt? Versprechen kann dies niemand. Aber Politik und Behörden sollten sicher sein, dass sie wirklich alles dafür tun, dass sich ein solcher Fall von Staatsversagen nicht noch einmal wiederholt.

Dafür braucht es keine neuen Kommissionen, die Ursachenforschung nach Lügde ist weitgehend abgeschlossen. Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen, die beiden direkt betroffenen Bundesländer, haben ihre Landtage Forderungskataloge aufstellen lassen, die nun umzusetzen sind.

Es braucht mehr Personal 

Dass die Bundesfamilienministerin in Berlin jetzt einen „Nationalen Rat gegen sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen“ einberufen will, wird dem Thema sicher die nötige Aufmerksamkeit auch nach dem Urteil von Lügde sichern. Dabei sind die Defizite bei dem Thema in Deutschland seit Jahren bekannt – auch durch eine lange Liste von Pannen, die Jugendämter zu verantworten haben.

Es braucht ohne Zweifel mehr Personal in den Jugendämtern. Nötig ist aber eben auch mehr Professionalität im Umgang mit einem Verbrechen an Kindern, das in Deutschland noch immer gern verschämt an den Rand gedrückt wird. Leid lässt sich nur dann verhindern, wenn Netzwerke aus Erziehern, Lehrern, Behördenmitarbeitern und Polizeibeamten funktionieren.

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Nach Schätzungen von Experten gibt es in jeder Schulklasse in Deutschland ein bis zwei Kinder, die schon Opfer von sexueller Gewalt geworden sind. Bei einer Umfrage der Bundesregierung gaben aber nur 13 Prozent der Schulen und nur 22 Prozent der Kindertagesstätten an, dass sie ein umfassendes eigenes Konzept hätten, wie sie mit dem Thema umgehen sollten.

Es geht nicht um Krisen-PR

Es gibt also noch einen großen Bedarf an gezielten Fortbildungen für die Beschäftigten. Die Schulen dürfen nicht allein gelassen werden. Sie brauchen als verbindliche Vorgabe der Länder geregelte Beschwerdeverfahren bei Auffälligkeiten von Kindern und Handlungspläne bei Verdachtsfällen. Der Schutz von Kindern gelingt nur, wenn die pädagogischen Fachkräfte geschult sind – und wenn sie wissen, an wen sie sich im Zweifelsfall vertrauensvoll wenden können.

Es geht um Aufmerksamkeit, um Wachsamkeit. Nicht um Krisen-PR. Das Jugendamt Hameln-Pyrmont, das ohne Bedenken ein Pflegekind in den Wohnwagen des Haupttäters schickte, möchte nach eigenem Bekunden künftig „Vorbild für andere Behörden“ sein. Es würde schon reichen, die Arbeit ordentlich zu machen. Und mit gesundem Menschenverstand.  

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