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Demonstration gegen rechten Terror nach der Festnahme eines Tatverdächtigem im Mordfall Lübcke.

Fall Walter Lübcke

Rechtsextremismus, Terror und Mord tauchen wellenartig auf - und lassen sich nicht wellenartig bekämpfen

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Beim Fall Lübcke droht der Empörung ein Weiter-so zu folgen - wie zuvor bei den 195 anderen Todesopfern rechter Gewalt. Die Kolumne.

Wellenartig taucht er auf. Wie ein Echo, das einem Knall folgt und dann mit jeder Wiederholung leiser wird, bis es ganz verhallt ist. Rechtsextremismus, Terror und Mord – seit Jahrzehnten erleben wir, wie Nazis, Rassisten und Antisemiten Verbrechen begehen.

Manchmal, nicht immer, wird der Schuss in der Gesellschaft gehört. Knall, danach Stille. Dem folgt die Echowelle von Abscheu und Empörung. Sie klingt dann aus, begleitet von Versprechen, die mit der Zeit immer leiser werden. Bis zum nächsten Mal.

Der Fall Lübcke ist dafür ein Beispiel. Dass er überhaupt Empörung ausgelöst hat, liegt daran, dass das Opfer ein Politiker war. Ein deutscher Politiker! Wenn hier ein deutscher Politiker ermordet wird, geht das zu weit! So heißt es in einigen Verlautbarungen. Was, möchte man fragen, ist dann noch akzeptabel?

195 Todesopfer rassistischer und rechtsextremer Gewalt

Wenn ein nicht-deutscher Politiker ermordet wird? Oder ein Nicht-Politiker? Oder einfach nur ein Jemand, dessen Herkunft den Mördern nicht passt? Gibt es da eine Hierarchie? Ja, offenbar schon. Denn nach 195 Todesopfern rassistischer und rechtsextremer Gewalt seit der Vereinigung muss man wohl davon ausgehen. Wieso ist das so?

In der Bundesrepublik mag man das Thema nicht. Man mag es auf eine andere Art nicht, als in anderen Ländern. Und nein, es hat nichts mit Flüchtlingen zu tun. Es hat mit keiner Rechtfertigung zu tun. Auch nicht mit Ungerechtigkeit, Arbeitslosigkeit, Nahverkehrsversorgung, Plattenbauten oder Dauerwellen. Schlimm genug. Aber wieso entlädt sich deutscher Zorn in Rassismus?

Alle aktuellen Entwicklungen im Fall Walter Lübcke finden Sie in unserem Newsticker.

Dass Rechtsextremismus noch immer seinen Nährboden findet, dass er sich immer weiter radikalisiert ist das Eine. Das andere ist jedoch, wie Politik und Öffentlichkeit darauf reagieren. Rechtsextremismus wird behandelt, wie ein bösartiges und gewalttätiges Kind, für das sich die Eltern schämen, weil sie wissen, dass sie selbst dafür verantwortlich sind, wie es geworden ist. Sie verschweigen es lieber, als ihm Grenzen zu setzen.

Außerdem scheint sich mit diesem Kind eine furchtbare Familiengeschichte zu wiederholen, an die einfach niemand erinnert werden möchte. Es ist Scham und es ist große Dummheit auf ein so großes Problem immer wieder mit Verschweigen und Verdrängen zu reagieren.

Der Ungeist des Rechtsextremismus lässt sich nicht wellenartig bekämpfen

Jeden einzelnen Tag werden Menschen Opfer von rechtsradikalen Angriffen. Leute, die sich vor Ort für eine offene, demokratische Gesellschaft engagieren, sind daran gewöhnt, bedroht und verachtet zu werden. Menschen, die nicht dem rassenwahnsinnigen Aussehen von Nazis entsprechen, erleben täglich Hass und Gewalt. Diese Gewöhnung ist fatal. Sie sollten sich sicher fühlen können. Das ist nicht immer und nicht überall so, aber dass es geschieht und dazu mit einer gewissen Systematik, ist eine Schande für das angeblich so moderne Deutschland.

Und was geschieht jetzt? Wird nun endlich die Scham überwunden und systematisch über verdrängtes Unheil verhandelt? Oder bleibt es ein weiteres Mal dabei, dass alles so weitergeht wie bisher? In der Sicherheitsarchitektur, in den relativierenden Sprüchen von Meinungsmachern, in der Furcht, dem bösen Kind einen Namen zu geben und ihm Einhalt zu gebieten?

Wellenartig lässt sich der Ungeist nicht bekämpfen. Von dort, wo er herkommt lauert eine historische Gefahr. Ihr Echo verhallt gerade wieder einmal fast ungehört.

Anetta Kahane ist Vorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung.

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