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Wer eine Facebook-Auszeit nimmt, schaut sich gerne bei Instagram um.
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Wer eine Facebook-Auszeit nimmt, schaut sich gerne bei Instagram um.

Kolumne

Facebook senior

  • Alina Bronsky
    VonAlina Bronsky
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In der virtuellen Welt geht das Altern schneller als in der realen. Aber was, wenn man es mal bei Instagram versucht?

Es war einmal ein Mädchen, das konnte es nicht abwarten, dreizehn zu werden. Erst dann durfte sie sich bei Facebook anmelden, vorher nicht – die Eltern nahmen die Richtlinien des Netzwerkes ernst. Bei Facebook waren die coolen Leute, dort tobte das Leben. Die besonders verwegenen meldeten sich heimlich vor dem 13. Geburtstag an.

Die Vergangenheitsform ist nicht zufällig. Das Mädchen ist inzwischen älter, bei Facebook ist sie immer noch nicht. Da ist einfach keiner mehr, sagt sie, was soll ich da?

Als ich vor einigen Jahren mein eigenes Profil anlegte, waren es meine älteste Tochter und ihre Freunde, die mir nachsichtig die ersten Likes spendierten. Inzwischen habe ich mehr FB-Freunde als die damaligen Jungprofis zusammen. Bloß die Teenager, die sind nicht mehr dabei.

Die Klientel hat sich verändert, und das liegt nicht nur daran, dass wir alle nicht jünger werden. Der digitale Generationenwandel ist rasanter als der biologische. Über Facebook bin ich nun mit den Schwiegermüttern meiner früheren Mitschüler befreundet. Ihre Beiträge sind gut gelaunt, ihre Kommentare ausführlich, auf ihre Likes ist Verlass. Das hier sonst übliche Duzen kommt mir allmählich unangemessen vor.

Offenbar ist mein elektronischer Freundeskreis dazu besonders intellektuell, denn es scheint mir, als ob die Posts immer länger und philosophischer werden. Die Diskussionen werden mit der ausführlichsten Sachlichkeit geführt. Keiner postet mehr betrunkene Klassenfahrtfotos oder beklagt sich über zu viele Hausaufgaben. Mit der Reife geht es in die Tiefe. Manchmal wird eine Facebook-Auszeit angekündigt – mit einer Ernsthaftigkeit, als sei ein Vorstandsposten neu zu besetzen. Als jüngst eine Großtante meine Fotos mit ausführlichen Erinnerungen an meine Kindheit kommentierte, beschloss ich, mir ebenfalls eine Facebook-Auszeit zu nehmen und mich woanders umzusehen.

Ich blieb bei Instagram hängen – wegen der Kuchenfotos und der Anleitungen, wie man sich ein Sixpack antrainiert. Hier gefällt es mir bis heute. Ich kenne immer noch niemanden, habe rührende hundert Abonnenten und genieße die Oberflächlichkeit und die Anonymität. Statt intellektuellen Kräftemessens honoriert man den Mut zum schrillsten Fotofilter. Die Texte sind knapp, die Bilder bunt, manche fotografieren ihre Katzen und andere ihren Bauchnabel. Da ist es nicht peinlich, das faszinierende Muster im Schaum des Morgenkaffees zu veröffentlichen.

Wer außerdem hier ist: die ganzen Teenager. Erfreut über das Wiedersehen, klickte ich mich durch die Profile. Da waren sie, meine Kinder und ihre Freunde mit ihren selbstgebackenen Muffins und ihren Nagellackexperimenten. Ich abonnierte sie alle. Zweieinhalb Sekunden später explodierte mein Telefon vor lauter wütenden Nachrichten. „Du kannst doch nicht meinen Freunden folgen!“ – „Wenn sie hier übernachten dürfen, darf ich wohl ihre Profile sehen?“ – „Nein, das ist einfach peinlich.“

Ein einziges, besonders höfliches Mädchen nahm meine Anfrage an. Die anderen Teenie-Profile schlossen sich vor meiner Nase. Dabei sind meine Posts fast immer gut gelaunt, und auf meine Likes ist Verlass. Da begriff ich: Die Großtante mit den peinlichen Kommentaren – die bin nun ich.

Alina Bronsky ist Schriftstellerin.

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