Leitartikel

Experiment Lufthansa

  • Frank-Thomas Wenzel
    vonFrank-Thomas Wenzel
    schließen

Die Airline kann mit Hilfe des Staates die Corona-Krise bewältigen und die Herausforderungen des Klimawandels angehen. Dafür müssen alle Beteiligten noch viel lernen.

Corona macht’s möglich. Die Pandemie beschert Politik und Wirtschaft das bislang spannendste industriepolitische Experiment der deutschen Wirtschaftsgeschichte. Der Staat wird der größte Anteilseigner der Lufthansa, und zugleich tut sich dort Großaktionär Heinz Hermann Thiele um, dessen Verhalten schwer berechenbar ist, der aber eher den Praktiken von aktivistischen Finanzinvestoren zuzuordnen ist. Zugleich gibt es starke Gewerkschaften, die sich aber oft genug nicht einig sind und sich immer wieder auch gegenseitig bekämpfen.

Dazu kommt, dass sich das alles in einer Branche abspielt, die eigentlich in den nächsten Jahren dynamisch wachsen sollte, die aber zugleich extrem empfindlich auf Schocks aller Art regiert: ganz besonders auf Pandemien – wie wir es in den vergangenen Monaten erlebten.

Was soll aus dieser Gemengelage werden? Das kann im schlimmsten Fall in Chaos und unternehmerischen Katastrophen enden. Das kann im günstigsten Fall aber zu einem Modell für das Wirtschaften in einer Welt werden, die noch Jahre mit den Folgen von Corona kämpfen und das noch viel bedrohlichere und komplexere Problem des Klimawandels bewältigen muss.

In den nächsten zwei, drei Jahren wird es aber vor allem darum gehen, die Lufthansa zu stabilisieren. Geld genug dafür ist mit dem neun Milliarden Euro schweren Rettungspaket da. Außerdem hat die Bundesregierung mit ihrem Einstieg einen funktionsfähigen Schutzschirm gegen eine feindliche Übernahme durch Airlines aus Asien oder vom Persischen Golf geschaffen – das hat mit schlechten Erfahrungen zu tun.

Air Berlin wurde viele Jahre von Etihad (Abu Dhabi) gepäppelt, doch als die Scheichs das Interesse verloren, fiel die Gesellschaft von einem Tag auf den anderen ins Bodenlose. Mit desaströsen Folgen vor allem für die Beschäftigten. So etwas kann sich nun bei der Lufthansa nicht wiederholen.

Thiele hält nichts von staatlichen Beteiligungen. Damit liegt er falsch. Es gibt hinreichend Beispiele für äußerst erfolgreiche Konzerne mit Staatsbeteiligung – siehe Deutsche Telekom, Deutsche Post oder Volkswagen. Wie wirkt der Staat in diesen Unternehmen? Meist indirekt.

Es wird mit Gewerkschaften und Betriebsräten häufig über Bande gespielt. Vor allem wenn es um Arbeitsplätze geht. So wurde erreicht, dass die Unternehmen durch diverse Krisen kamen, ohne betriebsbedingte Kündigungen auszusprechen. Das nervte Manager bisweilen, hatte aber auch den Effekt, dass sie angespornt wurden, kluge Lösungen für mehr Umsatz und Rendite zu finden.

Bei der Lufthansa wird nun auch eine Strategie gefahren, mit der die Firma wie nie zuvor umgebaut, verkleinert und effizienter gemacht werden muss – bei gleichzeitigem Verzicht auf Entlassungen. Das kann beispielgebend werden, aber nur gedeihlich funktionieren, wenn es bei allen Akteuren Lernkurven gibt – unter besonderer Berücksichtigung von Heinz Hermann Thiele.

Richtig interessant wird es, wenn es darum geht, Lufthansa und Klimaschutz unter einen Hut zu bringen. Da geht es um Projekte, die nicht in einer fernen Zukunft spielen, sondern bald angestoßen werden müssen. Das kann der Rettung zweiter Teil werden. In Europa müssen die Verkehrssysteme neu justiert werden, sofern die Staaten die Erderwärmung weiter ernsthaft eindämmen wollen. Das bedeutet konkret, eine neue Aufgabenteilung zwischen Fliegerei und Bahnverkehr zu organisieren, um auf Inlandsflüge zu verzichten.

Wird das klug gemacht, kann es helfen, das operative Geschäft der Lufthansa zu stärken. Das erfordert allerdings auch ein stärkeres Engagement des Bundes im Unternehmen, als es bisher bei den anderen Beteiligungen praktiziert wurde. Dies gilt noch stärker beim Thema klimaneutrale Kraftstoffe, die aus grünem Wasserstoff gewonnen werden. Sie sind langfristig unerlässlich für die gesamte Luftfahrt.

Hier muss die Lufthansa zu einem Nachfrager werden, der die Produktion von CO2-freiem Treibstoff fordert. Nach diesem Muster wurden auch die jüngsten Fortschritte in der Branche durchgesetzt. Nur durch das Drängen der Airlines wurden sparsamere Triebwerke entwickelt, auf die die Branche heute mit Recht stolz ist. 

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare