Ex-Zoodirektor Manfred Nieckisch

Tierische Rekruten

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Ein Wal als Unterwasser-Spion gibt Rätsel auf. Ist er ein Whistleblower über perfide Kriegseinsätze? Die Kolumne.

Wenn rätselhafte Tiere auftauchen, ruft das Biologen auf den Plan. Manchmal auch andere Menschen, so wie bei dem Belugawal, der in arktischen Gewässern gerade die Nähe zum Boot norwegischer Fischer suchte. Er war vertraut im Umgang mit Menschen, ließ sich von ihnen füttern und anfassen und so gelang es, ihm das merkwürdige Geschirr aus Riemen abzunehmen, das er um die Hals- und Brustregion trug. Offensichtlich eine Halterung für eine Unterwasserkamera.

Da dieses eine Aufschrift trug, die auf Sankt Petersburg hinwies, wurden sofort Hypothesen in die Welt gesetzt, es könne sich um ein russisches Spionagetier handeln. Das Ereignis war selbst für Wissenschaftler, welche die Meere und ihre Tierwelt erforschen, einigermaßen spektakulär, denn man begegnet solch tierischen Kampfschwimmern nur selten.

Dabei ist längst bekannt, dass Delphine und andere Meeressäugetiere für militärische Zwecke ausgebildet werden. Beispielsweise zur Unterwasserspionage und zum Aufspüren von Minen. Das gibt sowohl die US-amerikanische wie die russische Marine offen zu, wenngleich sie Einzelheiten darüber logischer Weise nicht an die große Glocke hängen.

Wer warum die Kontrolle über diesen schwimmenden Dienstleister verlor, ob er selbst die Orientierung verlor oder im Freiheitsdrang aus irgendeinem Trainingslager entwich, vielleicht auch in einem zivilen Forschungsprogramm eingesetzt war, bleibst rätselhaft. Oder wollte er gar, in Unkenntnis aktueller menschlicher Rechtsprechung, zum Whistleblower werden?

Dass Tiere für Kriegslisten eingesetzt werden, ist wohl so alt wie die Kriege selbst. Hannibals Elefanten sind das in jeder Hinsicht herausragende Beispiel. Die meisten tierischen Kriegsopfer dürften allerdings Pferde gewesen sein. Dschingis Khan und die Ausbreitung des Mongolenreiches, ritterliche Schlachten des Mittelalters, Kämpfe zwischen der US-amerikanischen Kavallerie und den Indianern, Napoleons Eroberungszüge, die Aktivitäten der deutschen Truppen in den südwestafrikanischen Kolonien und in den beiden verlustreichen Weltkriegen forderten unendlich viele Todesopfer auch unter den Reit- und Lasttieren.

Zu Recht prangern Tierschützer den Einsatz oder besser Missbrauch von Tieren als unfreiwillige Kriegshelfer an. Dass straffe Hierarchien, Befehlsgewalt und Skrupellosigkeit sich auch gegen Menschen richten, die gegen ihren Willen in Kampfeinsätze gezwungen werden, geriet in den letzten Jahren im Lichte, nein, im Dunkel westlicher Armeen, die sich aus Freiwilligen rekrutieren, und angesichts selbstmörderischer Religionsfanatiker etwas aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit. In die Unmenschlichkeit von Kriegen der Menschen gegeneinander reihen sich die Vorwürfe der perfiden menschlichen Grausamkeit beim Einsatz von Tieren logisch ein.

Es ist das Wesen des Krieges, egal ob kalt oder heiß, grausam zu sein gegen jedes Leben. Ist das im zivilen Leben anders? Versuche an Menschen sind in der zivilisierten Welt verboten, an Tieren aber erlaubt.

Die Weltraummission Sputnik 2 aus dem Jahre 1957 gilt noch heute als bahnbrechend. Dass die Hündin Laika als erstes Tier im Weltraum dadurch berühmt wurde, dürfte für sie von geringer Relevanz gewesen sein. Sie starb, wie wir seit kurzem wissen, in dieser aus menschlicher Sicht erfolgreichen Mission an Stress und Hitze schon wenige Stunden nach dem Start.

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