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Und ewig grüßt der Wandel

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Von: Karl-Heinz Karisch

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Porno-Video sind im Internet allgegenwärtig.
Porno-Video sind im Internet allgegenwärtig. © dpa

Sublimierung war gestern. Heute werden die Sinne nicht mehr verfeinert. Das belegen viele Porno-Videos im Netz.

Der Mensch an sich ist eher von der groben Natur. Aber er verfeinere sich, meinte der große Soziologe Nobert Elias (1897-1990) in seinem Werk „Über den Prozess der Zivilisation“: Der Sexualtrieb wird einer strengen Regelung unterworfen, die Erwachsenen werden gezwungen, ihre Triebwünsche – vor allem die sexuellen – für sich zu behalten. Gegenüber den Kindern verschwören sie sich und halten gemeinsam den Bann des Schweigens aufrecht. Ganz einfach also. Gute Küche, weniger Aggressionen, Kriege eingeschlossen und die Schamschwellen nicht senken, sondern hochmauern.

Der Kulturwissenschaftler Hans Peter Duerr hat in fünf Büchern versucht, Elias zu widerlegen. Hätte Elias Recht, dann befänden wir uns schon mitten im Zerfallsprozess. Weder verfeinert sich die Speisekultur, noch nimmt das Schamgefühl zu. Männer urinieren ungeniert in aller Öffentlichkeit, Frauen machen’s nach. Und von einem Bann des Schweigens kann angesichts von unzähligen Porno-Videos im Internet nun gar keine Rede mehr sein. Aufklärerin Beate Uhse musste glücklicherweise nicht mehr miterleben, wie gelenkige Laien ihr orgiastisches Können, oder was sie dafür halten, ins Netz rücken und am Ende den Niedergang ihres Unternehmens beschleunigten. Aber Sex allein macht auf die Dauer nicht glücklich. Wir brauchen was fürs Herz.

Und auch da erreichen uns bizarre Meldungen. Nene Anegasaki ist seit geraumer Zeit mit SAL9000 verheiratet. Letzterer ist kein Computerprogramm, sondern ein echter junger japanischer Mann. Nene wiederum ist Teil eines endlosen Computerspiels, eine hübsche junge Frau mit großen Augen und zart angedeutetem Busen. Sie sei eigenwillig und lasse sich nicht rumkommandieren, heißt es. Alles wie im richtigen Leben. Auch Programmierer wissen, auf was der Mann als Mann so steht.

Wir sind nicht ohne Grund von Frauenstimmen umzingelt, wir hören sie in den Durchsagen der U-Bahn, in der Warteschleife, aus dem Auto-Navi oder mit Siri im iPhone. Heike Hagen, die deutsche Siri-Stimme, fühlt sich geschmeichelt, wenn die Leute ihr sagen, wie toll die Stimme sei. Aber kann man sich in eine Stimme verlieben? Und nicht in den Menschen? Warum nicht, es gebe ja auch Männer die Sex mit Kunststoffpuppen haben, verriet sie dem Spiegel. Eine Psychose halt.

Sigmund Freud würde das vermutlich nicht ganz so schlimm sehen. Im Gegenteil, die Umlenkung von unerfüllten Triebwünschen führt zur Symbolbildung. Und die ist eine zutiefst menschliche Eigenschaft. Wir können Probehandeln und verfügen über sogenannte Spiegelneurone im Gehirn, mit denen wir die Emotionen anderer mitfühlen können. Und das funktioniert auch mit einer Stimme aus dem Computer. Vor allem im Traum produziert unser Gehirn Symbole am Fließband. Ob da jeder Stock, Baum oder Schirm den länglichen männlichen Gegenstand symbolisiert und Höhlen, Gefäße und Schränke das weibliche Geschlecht, das mögen bitte Experten beurteilen. Ganz sicher aber manifestiert sich in der Symbolbildung der Unterschied zwischen Mensch und Tier. Symbole gibt es in allen Kulturen, aus ihnen ist – nebenbei – unsere Schrift entstanden.

Und während sich nach wie vor Menschen in Büchern vergraben, verknallen sich andere in virtuelle Wesen mit Kunstbusen. Kultur im Wandel eben. Mehr nicht.

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