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Eventisierung der Fürsorge

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Von: Michael Herl

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Willkommenskultur in Flensburg.
Willkommenskultur in Flensburg. © dpa

Wenn ein Massenevent im Dienste der guten Sache steht, ist das großartig. Das war auch schon anders. Nämlich dann, wenn deutsche Hausfrauen unbedingt helfen wollten, aber die Helfer am Helfen hinderten. Die Kolumne.

Eigentlich bin ich ja ein ständiger Mahner und finde an allem etwas zu kritteln. Und eigentlich kann ich auch jetzt kaum anders – auch wenn ich zugestehe, dass dieses Gemäkel hin und wieder Züge von Zynismus trägt. Die Grenzen sind da fließend. Doch ich habe zu viel erlebt, um alles und jeden widerspruchslos hinzunehmen und für gut zu heißen. Ich verbrachte zum Beispiel etliche Monate in den Bürgerkriegen Jugoslawiens und machte dort vielerlei entsetzliche Erfahrungen, die ich im Einzelnen hier nicht wiedergeben möchte. Doch es waren da auch jede Menge positive Erlebnisse, zu denen auf alle Fälle gehört, wunderbare Menschen kennengelernt zu haben: die unzähligen Helfer. Egal ob Blauhelmsoldaten der UN oder Angehörige von Nichtregierungsorganisationen. Es hat mich nachhaltig beeindruckt, wie selbstlos diese Leute jenen halfen, die am wenigstens für den Wahnsinn eines Krieges konnten, der Bevölkerung.

Kommen wir zum besagten Kritteln: Von den Helfern mindestens so gefürchtet wie Tretminen und Scharfschützen waren mittelalte deutsche Hausfrauen, die nach 30stündiger Fahrt im angemieteten Kleinbus voller abgegriffener Kuscheltiere und der besten Freundin auf der Beifahrerseite vor verschlossenen Schranken standen und sich tränenreich darüber beschwerten, von diesen herzlosen Blauhelmen nicht in die umkämpften Gebiete gelassen zu werden. Hatten sie doch den Spendern fest versprochen, ihre mildtätige Fracht direkt vor Ort abzugeben, „um sicher zu sein, dass es auch wirklich ankommt“. Es waren die vielgeschmähten Gutmenschen, die unbedingt helfen wollten, damit aber nur die Helfer am Helfen hinderten.

Dieser Tage drängt sich der Verdacht auf, die allerorten zu beobachtende völkische Flüchtlingshilfe sei ein abermaliger Vorstoß der Allianz der Gutmeinenden. Doch diesmal es ist anders. Aber ist es besser? Fahren wir also fort mit der zynismusbestäubten Krittelei. Der fürsorgliche Empfang der vielen, in unser Land strömenden Hilfesuchenden ist ein weiteres Ergebnis der zunehmenden Eventisierung unserer Gesellschaft. Mitmenschlichkeit ist plötzlich cool und angesagt, und – so ist der Deutsche nun mal genetisch gepolt – was viele tun, das will er auch machen. Wir sind ein Volk der Adabeis, neudeutsch „Me-Toos“.

Nun hat sich gar die „Bild“-Zeitung an die Spitze der Bewegung gesetzt. Vor wenigen Wochen noch Marktführer in Sachen populistische Ausländerhetze, hat man es nun geschafft, Werbung auf dem Trikotärmel fast aller Fußballspieler der 1. und 2. Liga machen zu dürfen. Werbung für die menschenwürdige Aufnahme von Flüchtlingen, in erster Linie aber Reklame für sich selbst. Nur einige wenige Vereine hatten die Chuzpe, sich dieser billigen Masche zu widersetzen. Hut ab! Doch wie geht das weiter? Der ZDF-Fernsehgarten live aus dem Asylantenheim? Ein McRefugee bei McDonald’s? Eine gemischte Tüte von Haribo namens „Aleppo“?

Aber gut, ich höre ja schon auf zu lästern. Letzte Woche schon sang ich an dieser Stelle ein Loblied auf die Deutschen, dazu stehe ich nach wie vor. Wenn das Massenevent im Dienste der guten Sache steht, ist das großartig. Das war auch schon anders. Und dass so etwas heutzutage kommerzialisiert wird, kann man eh nicht mehr ändern. Oder doch?

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

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