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Kolumne zur EU

Europäisches Einerlei

  • Michael Herl
    VonMichael Herl
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Autos, Fußball, sogar die Baguettes hat man egalisiert. Und Madenkäse verboten. Aber ein Joker sticht.

Eigentlich gibt es ja viele Gründe gegen ein vereintes Europa. Man schweife gedanklich nur mal drei Jahrzehnte zurück und versetze sich in einen französischen Supermarkt. Was war das für eine fremde, verlockende Welt! Hunderte frischeste Fische glotzten einen an, lebende Hummer und Langusten winkten freundlich mit Scheren und Tentakeln, gefühlte tausend Sorten Rohmilchkäse schlummerten selig müffelnd in den gläsernen Vitrinen, Schnecken und Froschschenkel feierten ein launiges Tête-à-Tête, Dutzende von Pasteten prangten inmitten feister roter Kuttelwürste, während krustenknackige Baguettes und dünne Flûtes mit schnuckeligen Petits fours und puddingsüßen Eclairs um die geneigte Gunst der Käufer buhlten.

Das war das Paradies, das war ein französischer Supermarkt! Außerdem war dort auch sonntags vormittags geöffnet, was den Genuss noch erhöhte. Und nicht nur im Nachbarland gab es solche Märkte, sondern auch in Italien, Spanien, Portugal.

Damit ist es nun vorbei. Im Zuge des gemeinsamen Europa wurden die Waren kontinentweit gleichgeschaltet. In jedem Markt liegt mehr oder weniger der gleiche Kram aus den gleichen Fabriken. Das so in Mode gekommene Streben nach Regionalität und Saisonalität ist kaum mehr als ein groß angelegter Werbegag. Und dass manches, wie etwa der von Maden bevölkerte sardische Käse Cazu Marzu, verboten wurde, versteht sich aus Sicht der Konzerne von selbst. Sogar die Baguettes hat man egalisiert. Nur leider in die falsche Richtung. Die sind nämlich mittlerweile drüben wie hüben gleichermaßen labberig.

Solche Beispiele gibt es viele. Nehmen wir mal die Autos. Man sucht vergebens einen VW Käfer, eine Citroën DS, einen Fiat 500 oder einen Buckel-Volvo. Alle sind im europaweiten Einerlei verschwunden. Eins sieht aus wie das andere. Einzig ihrer Namen bedient man sich wieder. Doch es ist ein hilfloser Versuch der Automobilindustrie, an alte Mythen anzuknüpfen. So, wie wenn eine Familie Dietrich meint, einen Weltstar zu generieren, wenn sie ihr Kind Marlene nennt. Oder der Fußball. Was war es eine bedeutsame Zeit, als die Engländer noch kickten und rushten, die Italiener noch falsch und hinterfotzig spielten, die Franzosen filigran und leichtfüßig, die Deutschen stramm und panzergleich und die Spanier schön, aber beständig erfolglos. Heute praktizieren alle den Stil von Fußball, der angeblich zuerst vom FC Barcelona gespielt wurde. Irgendwie langweilig.

Noch mehr Beispiele? Zugegeben, so langsam gehen sie mir aus. Die Armut in Griechenland, Portugal, Spanien und anderen Ländern ist kein Verschulden des gemeinsamen Europa, sondern des vereinten Großkapitals. Die Krise wäre ohne den Euro noch schlimmer.

Und so stoße ich zwangsläufig auf den Joker unter den Argumenten pro Europa: den Frieden. Große Nationen wie Frankreich, Deutschland, England, Italien, Griechenland und andere hauen sich nicht mehr auf die Mütze. Das gab es noch nie, seit Menschengedenken. Und wie fragil dieser Frieden ist, zeigt sich gerade zur Zeit in der Ukraine. Und gleichsam, wie wichtig ein vereintes Europa ist – und mit ihm ein starkes, funktionierendes und von den Bürgern akzeptiertes Europäisches Parlament. Dafür verzichte ich sogar auf den sardischen Madenkäse.

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

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