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Mario Draghi ist der scheidende Chef der Europäischen Zentralbank.

Europäische Zentralbank

Die wahre Krone Europas

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Worauf es bei der Nachfolge von Mario Draghi ankommen sollte. 

Am Samstagabend werden zwei Meister gekrönt. Der neue Bundesliga-Meister und der Sieger des Eurovision Song Contest. Bei dem einen geht es um sportliche Leistungen über eine ganze Saison, bei dem anderen um die Gunst der Zuschauer an einem Abend. Wenn in den Wochen nach der Europawahl die Krone des neuen Chefs der Europäischen Zentralbank (EZB) vergeben wird, wünscht man sich mehr Bundesliga und weniger Eurovision.

Da die Amtszeit von Mario Draghi im Oktober endet, wird seine Nachfolge, anders als in der Vergangenheit, nun im großen Kuhhandel und politischen Geschacher um die verschiedensten Posten und Pöstchen nach der Europawahl geregelt. Damit wird die Nachfolge noch mehr politisiert als bei Draghi und seinen Vorgängern Duisenberg und Trichet.

Man kann sich darüber ärgern, dass die Draghi-Nachfolge nicht wie die Bundesliga entschieden wird, sondern eher wie der Eurovision Song Contest (ESC) mit strategischem Abstimmverhalten, bei dem Nationalität und der „Gönnfaktor“ eine große Rolle spielen. Kleiner Trost: Der nächste EZB-Präsident wird definitiv etwas von seinem Fach verstehen. Etwas, was man nicht von jedem Gewinner des ESC sagen kann. 

Wer dann nun das Rennen machen wird, steht jetzt noch in den Sternen. Es gibt eine Reihe qualifizierter Kandidaten, zu denen natürlich auch Bundesbankpräsident Jens Weidmann gehört. Vor einem halben Jahr schon von vielen abgeschrieben, ist er mittlerweile wieder zurück im Kreise der Top-Kandidaten. Ganz einfach auf Grund der Tatsache, dass es keinen einzigen unangefochtenen Topfavoriten gibt. Erfahrung, Nationalität oder Haltung zur aktuellen Geldpolitik - niemand sticht alle anderen auf der ganzen Linie aus.

Unsere tägliche Kolumne von Gastautorinnen und Gastautoren im Wirtschaftsteil. Heute: Carsten Brzeski, Chefvolkswirt der Bank ING-Diba in Frankfurt.

Durch die Japanisierung der Eurozone bleibt dem Draghi-Nachfolger bei der Zinspolitik sowieso kaum Gestaltungsraum. Daher sollten sich die Regierungschefs Europas auf eine einzige Frage konzentrieren: Gilt mit dem nächsten Präsidenten auch weiterhin Draghis „whatever it takes“. Das Versprechen, den Euro im schlimmsten Krisenfall zu retten. Ohne dieses Versprechen kann der Euro ohne weitgehende politische Vertiefung nicht überleben. Mit diesem Versprechen kann man sich eine Weile durchwurschteln.

Die Entscheidung sollte also nur auf Basis von sachlichen Argumenten getroffen werden. Die Nachfolge Draghis ist zu wichtig, um sie auf dem Jahrmarkt der nationalen Eitelkeiten zu verhökern.

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