Woanders gelesen

Europäische Zeitenwende

  • schließen

Merkel sorgt mit ihrer Bierzelt-Rede für eine breite Kontroverse.

K anzlerin Angela Merkel gilt als Politikerin, die ihre Worte mit Bedacht wählt. Spricht sie mal Klartext, dann darf man aufhorchen. Der folgende Satz wurde in den vergangenen Tagen oft zitiert: „Die Zeiten, in denen wir uns auf andere völlig verlassen konnten, die sind ein Stück vorbei …, und deshalb kann ich nur sagen, wir Europäer müssen unser Schicksal wirklich in unsere eigene Hand nehmen.“ Damit wird eine Zeitenwende markiert.

Die „SZ“ schreibt dazu: Die Kanzlerin sei „keine Spielerin, die mal eben das transatlantische Verhältnis für einen schnellen Wahlkampf-Applaus opfert“. Die USA seien schon immer schwierige Verbündete gewesen. Doch nun seien die Rollen vertauscht: „Die Schwäche Amerikas könnte zur Schwäche Europas werden. Trump hat binnen vier Monaten so viele Schwankungen ausgelöst, dass ein kluger Selbstschutz mehr als angemessen ist.“ Merkel habe noch nicht mit den USA gebrochen: „Aber sie fällt ein vernichtendes und schmerzhaftes Urteil: Amerika ist nicht mehr verlässlich. Dieses Urteil ist wuchtig, und es kostet einen Preis, den weder Deutsche noch Europäer kennen. Die Kanzlerin nutzt dafür gerne den Begriff Schicksal. Auch der ist bewusst gewählt.“

Die „FAZ“ findet: „Meistens wurde über die Sicherheitspolitik gestritten, doch auch die Konflikte über Haushaltsdefizite und Wechselkurse hatten es in sich. Im historischen Abstand verblasst die Intensität des Streits; für die Zeitgenossen stellte sie oft genug eine Probe auf die Belastbarkeit von Partnerschaft und Gemeinsamkeiten dar.“ Die neue Qualität der Auseinandersetzung aber schade Europa: „Ohne Amerika ist der Westen in der Welt von heute, in der sich die Macht- und Einflussverhältnisse dramatisch verschieben, schwach, jedenfalls viel schwächer.“ Die Lösung von Amerika wäre fatal. „Die Wahrheit ist: Die Partnerschaft mit Amerika ist, auch nach der Wahl, essenziell. Und: Nicht jede Forderung Trumps muss von vornherein blöd, irre oder unverantwortlich sein.“

Die „taz“ wirft Merkel einen „rabiaten Nationalismus“ vor: „Sie ist damit nicht besser als US-Präsident Donald Trump, sondern nur intelligenter. Während Trump mit seinem ‚America first‘ durch die Welt trampelt, weiß sie ihr ‚Deutschland zuerst‘ geschickt zu verbergen.“ Das zeige das Beispiel Griechenland: „Wäre Merkel eine wahre Europäerin, würde sie ihren Wählern erklären, dass die Griechen ihre Schulden nicht zurückzahlen können und Europa nur überlebt, wenn alle Länder davon profitieren – und nicht nur Deutschland.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare