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260.000 Tonnen Rindfleisch dürfen jährlich zu niedrigen Zöllen importiert werden (Symbolbild). 

Freihandelsabkommen 

Wie Europa den Regenwald bedroht

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Die EU will mit den wichtigsten Ländern Südamerikas ein Freihandelsabkommen schließen - eine Gefahr für Mensch und Natur. Der Gastbeitrag. 

Es geht um Autos, Maschinenbau, Chemieprodukte und Rindfleisch. Seit 20 Jahren verhandeln die EU und die Mercosur-Staaten (Argentinien, Brasilien, Paraguay, Uruguay) über ein Freihandelsabkommen. Doch jetzt hat die EU-Handelskommissarin Cecilia Malmström angekündigt, noch im Frühjahr einen Abschluss erreichen zu wollen.

Es stellt sich allerdings die Frage, ob die EU ein solches Abkommen verantworten kann, wenn Jair Bolsonaro, der Präsident des größten Mercosur-Mitgliedstaates Brasilien, Folter, die Abschaffung der Umweltbehörden, die Missachtung indigener Rechte und die Aufkündigung des Klimaabkommens in Aussicht stellt.

Bei den Verhandlungen liegt der Fokus von Europäischer Union und Bundesregierung auf dem Abbau von Handelshemmnissen, um den Marktzugang für Waren, Dienstleistungen und Investitionen zu verbessern. Im Gegenzug sollen die Agrarmärkte der EU stärker geöffnet werden. Dabei will Europa Handelsschranken gegenüber dem Mercosur für besonders sensible Produkte zwar nicht völlig abschaffen, aber die Zölle für festgelegte Mengen senken. Bislang dürfen beispielsweise 260 000 Tonnen Rindfleisch jährlich zu niedrigen Zöllen importiert werden, davon 50 000 aus den Mercosur-Ländern.

Wenn die EU unter den derzeitigen Produktionsbedingungen mehr Rindfleisch importieren sollte, drohen Umwelt und Klimaschutz auf beiden Seiten zu verlieren. Denn die mit Abstand wichtigste Ursache von Entwaldung in den Mercosur Staaten ist nach wie vor die Landwirtschaft, dabei vor allem die Rinderhaltung und der Anbau von Soja – nicht nur in Brasilien.

So wurden in Argentinien im vergangenen Jahrzehnt 30 000 Quadratkilometer Wald in Acker- und Weideland umgewandelt, um Platz für die intensive Rinderhaltung zu schaffen. Die Zerstörung des Amazonas-Regenwaldes in Brasilien betrug im letzten Jahr 7900 Quadratkilometer – und lag damit um fast drei Viertel höher als 2012.

Anders als deutsche Verbraucher es sich vorstellen, werden Rinder in Argentinien und Brasilien immer seltener als frei weidende Herden in der Weite der Pampas gehalten. Stattdessen werden sogenannte „feedlots“ oder Mastparzellen immer üblicher: 100 bis 500 Tiere in einer Parzelle auf wenig Land mit insgesamt bis zu 10.000 Tieren pro Betrieb. Dort leben die Rinder nicht mehr ganzjährig von Gras und Heu, sondern werden überwiegend mit Getreide und Soja gefüttert. Und dafür werden wieder Weideland oder Wald in Ackerland umgewandelt und in einer Weise bewirtschaftet, die nicht den EU-Definitionen der „guten, fachlichen Praxis“ entspricht – nämlich mit hohem Einsatz von Pestiziden und meist ohne Fruchtfolge.

Das Fleisch aus den Mercosur-Staaten schleppt einen großen ökologischen Rucksack, sprich: hohe Umweltbelastungen, mit sich herum, die sich nicht im Preis abbilden, ganz zu schweigen von der anhaltenden Zurückdrängung und Vertreibung von Indigenen und den gesundheitlichen Folgen für die dort lebenden Menschen.

Daher wären die Auswirkungen höherer Importmengen aus Nicht-EU-Ländern auf die relativ teure Rindfleischerzeugung in Europa enorm. Zum Beispiel werden im System der Mutterkuhhaltung die Kälber von ihrer Mutter aufgezogen und laufen in der Herde mit. In dieser tiergerechten Art der Rinderhaltung wird in der Regel nur wenig zugefüttert, und es entstehen viele Vorteile für die Natur, wie eine hohe Artenvielfalt auf den Weiden. Diese Art der Produktion wäre in der EU durch mehr günstige Importe im höchsten Maße gefährdet.

Solange insbesondere die brasilianische Regierung an ihren Plänen zur weiteren Entwaldung des Amazonas, der Missachtung von Indigenen-Rechten, der Absenkung von Umweltstandards in der Landwirtschaft und im Bergbau sowie der Kündigung des Klimaabkommens festhält, wäre ein Handelsabkommen mit Mercosur unverantwortlich. Statt über Zölle und Quoten zu sprechen, muss die EU einen Dialog über die Grundlagen der Zusammenarbeit auf Basis der Menschenrechte und der globalen Ziele für nachhaltige Entwicklung beginnen.

Zu diesen Grundlagen gehören Wirtschafts- und Handelsbeziehungen einschließlich verantwortungsvoller Konsum- und Produktionsmuster sowie der Erhalt der Wälder und der biologischen Vielfalt.

Die Autoren

Markus Wolter ist bei Misereor Referent für die Themen Ländliche Entwicklung, Hunger und Agrarhandel.

Tobias Reichert arbeitet bei Germanwatch als Teamleiter für Welternährung, Landnutzung und Handel.

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