Hungerkrise in Somalia.
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Hungerkrise in Somalia.

Hungersnot

Europa muss Afrika helfen

  • Johannes Dieterich
    vonJohannes Dieterich
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Die Menschen in Südsudan oder Somalia vor dem Tod zu bewahren, liegt im Interesse jedes vernünftigen Europäers. Auch, weil die EU für die Katastrophe mitverantwortlich ist.

Es ist mal wieder soweit: In Afrika verhungern Menschen. Noch sind es nur Hunderte im Südsudan. Doch bald könnte ihre Zahl auf Hunderttausende, ja auf Millionen ansteigen. Auch im Nordosten Nigerias, in Somalia und Äthiopien ist die Bevölkerung vom Hungertod bedroht. Die Vereinten Nationen sprechen von 5,6 Milliarden Dollar, die für Hilfsmaßnahmen nötig seien. Eingetroffen sind bislang nicht einmal 100 Millionen Dollar.

Für die Müdigkeit der Geber scheint es gute Gründe zu geben. In den meisten Fällen ist die Nahrungsmittelknappheit auf keine schicksalhafte Dürre, sondern auf von Menschen zu verantwortende Bürgerkriege oder die Umtriebe extremistischer Gruppen zurück zu führen. Für diesen Wahnsinn alle paar Jahre aufs Neue in die Tasche greifen zu sollen, scheint nicht mehr zumutbar zu sein.

Schon ein kurzer Blick auf die Krisenstaaten zeigt indessen, dass es keineswegs „die“ Südsudanesen, Nigerianer oder Somalier sind, die für die Katastrophe verantwortlich gemacht werden müssen: Vielmehr haben einzelne Präsidenten, Kriegsfürsten oder politische Eliten ihre Länder ins Verhängnis gestürzt. Die hungernde Bevölkerung kann dafür genau so wenig, wie die fliehenden Syrier für die Kriegsverbrechen Baschar al-Assads oder ein irakischer Ziegenhirt für die Verheerung seiner Heimat. Wer genauer hinschaut, weiß, dass der erdölgierige Westen für den GAU im Nahen und Mittleren Osten nicht weniger verantwortlich ist, als die einheimische Bevölkerung. Ähnliches gilt für die Erdölstaaten Libyen und Nigeria; in Somalia oder im Südsudan.

Nun ist in den reichen Industrienationen wieder ein Motto aus längst tot geglaubten Zeiten salonfähig geworden: „America first“, „Les Français d’abord“ oder „Gebt Großbritannien seine Größe zurück“. Noch steht „Deutschland, Deutschland über alles“ auf dem Index, doch die Idee, die sich dahinter verbirgt, feiert am Rhein und der Oder bereits fröhliche Urständ. Den Slogans gemein ist, dass sie einen angeblich gesunden Eigennutz vertreten: Wenn jeder nach seinen eigenen Interessen schaut, so das Mantra der Neonationalisten, wird die Welt zur Ruhe kommen. Das Motto ist genauso falsch und verhängnisvoll wie das Credo der Neoliberalen, wonach der freie Markt alle wirtschaftlichen Konflikte versöhne.

Die Heuchelei der America-First- oder der Mut-zu-Deutschland-Apostel kommt zum Vorschein, wenn es um die eigenen Grenzen geht. Die sollen für eindringende Menschen möglichst dicht, für hinausdrängende Waren jedoch möglichst offen gehalten werden. Geht es um Autoexporte, kann die Welt nicht klein genug, geht es um Migration, nicht groß genug sein.

Was das mit den Hungersnöten zu tun haben soll? Dass die Auffassung, Katastrophen in anderen Teilen der Welt gingen uns nichts an, so falsch wie die Vorstellung der Undurchlässigkeit geschlossener Systeme ist. Dass der angebliche „Kampf der Zivilisationen“ – der Konflikt zwischen islamischen Fundamentalismus und christlichem Überheblichkeitswahn – nicht an Schlagbäumen halt macht, weiß man bereits. Und wer es nicht wahrhaben will, bekommt es zu spüren. Selbst Donald Trumps Mannschaft wird irgendwann die Luke öffnen müssen: Denn America first ist nicht America only – auch die Supermacht ist auf den Rest der Welt angewiesen.

Nun kann man sich der Welt auf sehr eigennützige Weise zuwenden: Indem man sich nimmt, was man will, und sich einen Dreck darum schert, was die anderen brauchen. Ein derartiges Verhältnis ist nicht nur mit keinem Moralkodex – ob religiös oder humanistisch begründet – zu vereinbaren. Es kann auch nicht nachhaltig sein, wie Historiker und Psychologen bestätigen werden. Wer in der Welt so etwas wie Harmonie herstellen will, muss im Blick haben, worunter die anderen leiden: Alles andere wird jede Diplomatie früher oder später zum Scheitern verurteilen.

In Europa wird das Verhältnis zwischen dem Westen und Afrika gerne als Beziehung eines Arztes zu seinem Patienten beschrieben – ungeachtet der Tatsache, dass der angebliche Arzt den Patienten noch bis vor wenigen Jahrzehnten lediglich krank gemacht hat und das teilweise noch heute tut. Zu leugnen, dass sich viele afrikanischen Staaten im Krankheitsstand befinden, wäre vermessen: Genauso verheerend ist es jedoch, in einem Patienten nur einen Kranken und nicht auch den sich wieder regenerierenden Menschen zu sehen. Der Westen muss eine Vision davon haben, wie ein gesundes Verhältnis zu seinem Nachbarkontinent aussehen sollte: Nur so kann er zur Herstellung eines derartigen Verhältnisses beitragen.

Grundvoraussetzung dafür ist, dass der Nachbar nicht im Chaos versinkt – in diesem Fall wären gute Beziehungen bis auf weiteres ausgeschlossen. Die Menschen in Nigeria, im Südsudan und in Somalia vor dem Hungertod zu bewahren, liegt deshalb im Interesse jedes vernünftigen Europäers: Wer jetzt wegschaut, ist an einer besseren Welt offensichtlich nicht interessiert.

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