Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Joe Biden (l), Präsident der USA, Bundeskanzlerin Angela Merkel (M) und Emmanuel Macron, Präsident von Frankreich, sind auf einem Bildschirm im Elysee-Palast während ihrer Teilnahme an der virtuellen Münchner Sicherheitskonferenz eingeblendet.
+
Joe Biden (l), Präsident der USA, Bundeskanzlerin Angela Merkel (m) und Emmanuel Macron, Präsident von Frankreich, sind auf einem Bildschirm im Elysee-Palast während ihrer Teilnahme an der virtuellen Münchner Sicherheitskonferenz eingeblendet.

Gastbeitrag

Europa darf sich nicht unter Wert verkaufen

  • Tobias Endler
    vonTobias Endler
    schließen

Viele orientieren sich an der EU. Das ist eine Grundlage, um Führung zu übernehmen.

Transatlantische Reisen sind derzeit tabu, das gilt auch für den neuen US-Präsidenten Joe Biden. Doch ließ es sich Biden nicht nehmen, bei der Münchner Sicherheitskonferenz virtuell dabei zu sein. Während Biden zu Hause in den USA bei seiner Antrittsrede klarstellte, dass „Amerika wieder führen wird“, sprach er am Bildschirm gegenüber Kanzlerin Merkel, dem französischen Präsidenten Macron und der EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen davon, dass „Europa und die Vereinigten Staaten wieder führen müssen“.

Machen wir uns nichts vor: Von Entscheidungsfindung auf Augenhöhe, gar in allen Belangen, hat niemand etwas gesagt. Und doch wirkt Europa Anfang 2021 angesichts dieser Chance wieder einmal merkwürdig verzagt. Woran liegt das?

Offensichtlich hat Europa derzeit genug mit sich selbst zu tun. In Berlin, Paris und Brüssel sorgt man sich zu Recht, dass die Pandemie den EU-Binnenmarkt noch härter trifft als befürchtet. Die Digitalisierung kommt nicht voran. Gleichzeitig will man das Mobilfunknetz ausbauen, den Green Deal beherzigen, endlich zu einer fairen und transparenten Lösung in der Flüchtlingsfrage kommen.

Über all dem darf aber der Blick nach außen nicht verloren gehen. Schon deshalb, weil es keine Trennung zwischen Innen- und Außenpolitik mehr gibt: Ein Endpunkt der neuen chinesischen Seidenstraße liegt im Duisport von Duisburg; die Gaspipeline Nord Stream II soll schon bald bis zu 55 Milliarden Kubikmeter russisches Gas pro Jahr nach Greifswald transportieren.

Die USA, China, Russland - sie wirken auf Europa ein. Andere würden an diesen Kräften zerbrechen, der Alte Kontinent aber wird standhalten. Europa bringt strukturelle Stärke mit: Es verbindet die Vorzüge einer einzelnen großen Nation und eines Staatenverbunds. Der Binnenmarkt ist riesig und gut harmonisiert. Das Europäische Parlament steht dem zweitgrößten demokratischen Wahlvolk der Welt (nach Indien) vor. Die EU bringt bei der UN, der WHO und anderen supranationalen Organisationen viel Gewicht auf die Waage, hierzu genügt bereits ein harter Kern von fünf, sechs Nationen, die an einem Strang ziehen.

Zweitens braucht sich die EU-Wirtschaft nicht zu verstecken. Nach den Zahlen der UN Conference on Trade and Development (UNCTAD) vom Frühjahr 2019 trägt die EU 23,5 Prozent zum globalen BIP von geschätzt 81 Billionen US-Dollar bei. Die Vereinigten Staaten kommen auf 21,8 Prozent. Die eigentliche Stärke Europas liegt woanders: Im Staatenverbund kann sich ein Mitglied das Beste vom Nachbarn abschauen und die dort gemachten Fehler für sich selbst vermeiden

Eine dritte Stärke Europas besteht darin, aus der Geschichte vielerorts die Lehren gezogen zu haben, nachdem man in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts jeden denkbaren Fehler begangen hatte. Aufbau und Selbstverständnis der Gesellschaften im europäischen Staatenbund sind nicht identisch und sollten es auch nicht sein. Es geht nicht um Gleichmachung, sondern Harmonisierung im Miteinander.

Die Verständigungsgrundlagen sind da: funktionale Regierungsinstitutionen, ein verlässliches Rechtssystem und standardisierte Businesspraktiken, eine starke Zivilgesellschaft, der Schutz der Presse- und Versammlungsfreiheit. In Polen und Ungarn, aktuell auch in Spanien sind Teile hiervon massiv gefährdet, jede andere Einschätzung wäre naiv. Dennoch: Europa organisiert vor unseren Augen auf dem klassischen Erbe der Aufklärung das Zusammenwirken einer modernen Gesellschaft.

Wenig überraschend ist dies bei über 450 Millionen Mitwirkenden oft ein mühsamer und vertrackter Prozess. Trotzdem besteht die große Leistung Europas darin, von einer wagemutigen Vision zu tragfähigen Regularien und Direktiven gelangt zu sein. Deren schiere Anzahl kann für den Einzelnen Anlass zu Spott oder Frust sein. Doch die Tatsache, dass sich 27 Staaten in einer Welt der Nationalstaatspolitik derart vielschichtig koordinieren, ist bemerkenswert.

Die US-Politologin Anne-Marie Slaughter warnte schon vor anderthalb Jahrzehnten davor, dass sich Europa unter Wert verkaufe. Faktisch sei das „europäische Modell“ weltweit angesehener als das US-amerikanische. Nicht von ungefähr orientieren sich die Menschen auf dem afrikanischen Kontinent, in Nahost und Zentralasien zunehmend an Europa – auch und gerade weil hier so viel in Bewegung ist.

Wir Europäer sollten unseren Kontinent mehr so betrachten, wie es viele Außenstehende tun: als großes Experiment für dieses Jahrhundert. Ein Experiment, das so attraktiv für andere ist, dass man sich daran orientiert. Die beste Grundlage, um Führung zu übernehmen, ist, diese angetragen zu bekommen. Das hat Europa derzeit den USA voraus.

Tobias Endler ist Amerikanist und Politologe. Zuletzt erschienen: Game Over – Warum es den Westen nicht mehr gibt.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare