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Statt zu Hause zu kochen, holen sich die Menschen in Deutschland lieber ihr Essen in Lokalen ab.

Kolumne

Essen in der Corona-Krise: Lieber halb kalt als frisch gekocht

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Die Corona-Krise als Chance? Zumindest kochen nicht mehr Menschen selbst. Sie holen sich Gerichte lieber in Restaurants und stehen dafür an.

  • Statt zu Hause zu kochen, stehen die Menschen in Deutschland vor Lokalen Schlange
  • Profiteure der Corona-Krise sind die „Fertigschmeckkonzerne“
  • Die Deutschen kochen nicht – und können es auch nicht

Eigentlich hatte ich die Hoffnung ja schon aufgegeben – dann aber kam die C-Wort-Krise und ließ mich wieder welche schöpfen. Sie nährt sich durch den Plan der Schöpfung, wonach Menschen und andere Lebewesen ihre Seinsfähigkeit durch das Verbrennen von Energieträgern erzeugen, umgangssprachlich auch Nahrung genannt.

Demnach können wir nur durch Essen überleben, und da Restaurants schließen mussten und sich die meisten von uns nicht nur von Butterstullen ernähren können, bleiben zwei Möglichkeiten: sich Essen aus dem Lokal besorgen oder selbst kochen.

Genau da lag meine Hoffnung. Werden sie es endlich tun? Bleiben ihre Küchen nicht mehr kalt? Werden sie das machen, was man ihnen allabendlich im Fernsehen zeigt? Werden sie den „Foodies“ genannten Essaposteln im Netz Folge leisten? Kurzum, werden sie kochen? Die Antwort lautet leider nein.

Corona-Krise: Wie die Menschen vor den Lokalen Schlage stehen

Es war natürlich kindlich naiv von mir, anderes zu erwarten. Wie soll ein Volk, das keinen Wert auf die Qualität seines Essens legt, von billigen Produkten nur die billigsten kauft und Nahrungsaufnahme eher für Zeitverschwendung hält und sie deswegen vornehmlich im Gehen und Stehen erledigt, sich von jetzt auf gleich ändern, nur weil ein böses Virus sein Unwesen treibt?

Nee, nee. Es kam, wie es kommen musste. Die Bringdienste haben zwar kaum nennenswerte Umsatzsteigerungen zu verzeichnen (was mich zuerst spontan erfreute), doch statt dessen stehen die Menschen selber vor Lokalen Schlange und schleppen nun ihr halbkaltes Futter eigenhändig in die heimische Butze.

Sie haben schließlich Zeit, und billiger ist das obendrein. Profiteure der Krise sind aber die Fertigschmeckkonzerne wie Nestlé, das seinen Umsatz im ersten Jahresviertel um 4,3 Prozent steigerte. Hat man dort schließlich Marken wie die Nudelmarke Buitoni im Portfolio, den Pizzaimitatbäcker Wagner und natürlich Maggi, die Urmutter des schnellen Schlingens. Sogar Edelfresskritiker Jürgen „Röstnote“ Dollase ließ sich in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ dazu herab, ein Rezept zum Aufpeppen von Dosenravioli zu veröffentlichen. Dabei hatte der mich vor einiger Zeit noch damit erfreut, die deutsche Unsitte anzuprangern, Nudeln grundsätzlich „al dente“ zu essen. Der Meinung war übrigens schon vor langer Zeit Altvater Wolfram Siebeck („Ich bin doch kein Hase“).

Corona-Krise: Die Deutschen kochen nicht – und sie können es auch nicht

Ob Dollases Aufruf zur weichen Nudel hingegen etwas mit seiner plötzlichen Hinwendung zum Raviolo aus der Büchse zu tun hat, bezweifle ich aber doch. Dosenravioli kann man bestenfalls sturzbesoffen nachts kalt direkt aus der Büchse zu sich nehmen. Keinesfalls aber während einer Viruspandemie.

Die Deutschen kochen also nicht – und sie können es auch nicht. Das lässt sich sogar statistisch belegen. Laut „FR“ vom 25. April kochen nur 46 Prozent fast täglich frisch, in Italien sind das 79 Prozent. Hinter uns rangieren nur die Briten (hört, hört). Diese Zahlen lassen sich nach meiner Erfahrung empirisch untermauern, indem man einfach mal ein gutbürgerliches Lokal in diesen Ländern besucht.

Das größte Umsatzplus erzielte Nestlé übrigens mit Tiernahrung. Warum wundert es mich nicht, dass die Deutschen ihren Viechern besseres Futter zuführen als sich selbst? Schließlich legen sie auch beim Motorenöl mehr Wert auf Qualität als beim Olivenöl.

Von Michael Herl

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