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Wer erzieht eigentlich wen?

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Von: Sabine Rennefanz

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Bei Eltern und Kindern ist nicht immer klar, wer wen erzieht. Ist das verwerflich? Die Kolumne.

Der Junge ist zwei, fast drei. „Ich bin kein Baby mehr“, sagt er. Er steht neben dem Kinderwagen seiner Schwester, sie ist noch ein Baby, sie ist mini, noch nicht einmal eins. Wenn jemand vorbeikommt und hineinschaut, dann ruft der Junge: „Nein, das ist meine Schwester, geh weg.“ Er will nicht, dass jemand anders seine Schwester anguckt. Er hütet sie wie sein kleines Geheimnis. Als hätte er Angst, sie würde verschwinden, wenn jemand sie zu sehr mustert.

Ich erinnere mich noch, wie wir ihn aus dem Krankenhaus mitgebracht haben, ein hilfloses, kleines Bündel. Jetzt sitzt am Abendbrottisch ein Junge mit riesigen Händen und verhandelt über seinen Nachtisch: „Erst Nudeln, dann Eislolli. Ja?“, sagt er. Als ich zögere, holt er seinen Trumpf heraus. „Papa sagt ja“, meint er. Das stimmt zwar nicht, funktioniert aber als Taktik. Wenn das mit den Brexit-Verhandlungen nicht klappt, kann vielleicht mein Sohn einsteigen. Die Briten bekämen alle Eislollis der Welt.

Wenn ich gefragt werde, was für ein Kind mein Sohn ist, weiß ich nie, was ich sagen soll. Ich möchte sagen, dass er der tollste Junge der Welt ist, schön und schlau. Er kann schon bis zehn zählen, auf Englisch. Aber ich will nicht prahlen. Ich könnte sagen, dass er lebhaft, neugierig, sensibel und stur ist. Er bringt uns oft zum Lachen. Während ich das notiere, denke ich, dass man so neunundneunzig Prozent aller Zweijährigen beschreiben kann.

Ich bin einem Land aufgewachsen, in dem nicht viel gelobt wurde. Es war nicht wie in den US-Filmen, in denen die Mütter ihren Kindern alle fünf Minuten sagen: I love you. Weinanfälle wurden belächelt: „Das ist aber ein kleiner Schauspieler“, oder etwas strenger: „Reiß dich zusammen.“

Wenn ein Kind friedlich und still war, nicht groß nach Aufmerksamkeit verlangte, dann beschrieb man es als „artig“. Ein solches Kind zu haben, das war das größte Mutterglück. Das Wort artig ist komischerweise fast komplett verschwunden. Mein Lieblingsspruch war: „Du bringst mich noch ins Grab.“

Niemand wäre früher auf die Idee gekommen, ein Kind zu feiern, als habe es ein Meisterwerk vollbracht, wenn es auf eine Rutsche klettert. Deshalb ist es mir ein bisschen peinlich, wenn die Mütter und Väter auf dem Spielplatz dauernd „suuuuper“ rufen.

Wenn man will, dass die Kinder aus lauter Minderwertigkeitsgefühl später keine Verbrecher werden, muss man sie konsequent loben, selbst Kritik soll man in ein Lob packen. Also sagen: „Ich finde es super, wie du mit dem Schläger hantieren kannst, aber es ist trotzdem nicht so gut, wenn du den Schädel deiner Schwester triffst.“

Neulich lobte eine Mutter, wie gut mein Sohn klettern kann. Ich erwiderte, dass er sich aber noch nicht selber anziehen kann. Danach fühlte ich mich schlecht. Warum habe ich nicht gelächelt und mich über das Kompliment gefreut? Nicht genug, dass ich die schlechte Laune der DDR immer noch mit mir herumtrage, jetzt belaste ich auch noch meinen Sohn damit.

Ich nehme mir vor, ihn mehr zu loben, positiver zu sein. Neulich bat er mich, ein Boot aus Papier zu basteln. Ich nestelte am Papier herum, am Ende stand ein Objekt auf dem Tisch, dass an die Titanic erinnerte, nach dem Untergang. „Super, Mami“, sagte mein Sohn und rannte juchzend durch die Wohnung. Manchmal bin ich mir nicht sicher, wer hier wen erzieht.

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