Kolumne

Die Ermahnung

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Eine Mutter bleibt immer eine Autorität. Das ändern weder Alter noch Pflege. Die Kolumne.

Habe ich das wirklich getan? Ehe ich mich von meiner Mutter verabschiede und das Pflegewohnheim für diesen Tag verlasse, erhebe ich mahnend den Zeigefinger. Nicht kratzen, rufe ich ihr lächelnd zu, aber ich bin mir nicht sicher, ob sie meine Geste als Ironie aufzufassen vermag.

Sie fühlt sich ertappt, vorsichtig nimmt sie ihre Hand herunter, von deren Fingern sie eben noch eine kleine Blutkruste abgestreift hat. Ihre Gesichtshaut ist sehr dünn und empfindlich, und aus einer trockenen Flechte ist eine nässende Wunde geworden, die sie immer wieder aufs Neue aufkratzt.

Wenn ich sie davon abzubringen versuche, sagt sie: Recht haste. Und fügt dann hinzu: Aber schweigen musste. Ich liebe diese Floskel, die sie bei ähnlichen Gelegenheit wiederholt. Wenigstens in diesem Augenblick scheint das natürliche Verhältnis zwischen uns wiederhergestellt. Sie ist die mütterliche Autorität. Mag der Sohn auch recht haben, so wird sie sich denken: Noch bestimme ich.

Meine Ermahnung zum Abschied bleibt folgenlos. Es dauert nicht lange, da hat sie sie bereits wieder vergessen. Und natürlich weiß ich es besser: Sie denkt gar nicht darüber nach. Der Folge, dass sich ihre Gesichtshaut bös entzünden kann, ist sie sich nicht bewusst.

Stattdessen trägt sie einen kleinen Lustgewinn davon, einen aufgebrochenen Hautfetzen abzuziehen. Der eigene Körper, so stelle ich es mir vor, wird immer stärker als etwas Fremdes erfahren. Wenn aus ihrer Wunde tatsächlich Blut austritt, erschrickt sie darüber nicht, ist aber dankbar, wenn man ihr ein Papiertaschentuch reicht, um das frische Blut aufzunehmen.

Sehr viel Dramatischeres hatte sich vor einigen Monaten im Krankenhaus ereignet. Nach einer gut überstandenen Lungenentzündung sollte sie noch einige Tage zur Beobachtung bleiben, an denen sie sich – unbeobachtet – gleich mehrfach mit einem festen Ruck, für den sie ihre ganze Kraft aufwenden musste, die Infusionskanüle aus der Armbeuge herausriss.

Nachdem das Krankenhauspersonal eingesehen hatte, dass sie nicht davon abzubringen war – meist entfernte sie die Kanüle des Nachts -, ging man dazu über, ihr die notwendigen Medikamente oral zu verabreichen. Das wiederum führte zu mehrmaligem Erbrechen.

Im Juli ist sie 99 geworden, und auf meine tägliche Frage: Wie geht es dir heute? sagt sie lächelnd: Wie immer. Alle Tage sind gleich, aber nichts ist wie immer. Meine Mutter bewegt sich wie ein Käfer, leicht gebückt geht sie mit ihrem zerbrechlich wirkenden Körper über den Flur, weil sie den Rollator nicht als Gerät zu erkennen vermag, das ihr zu Diensten ist.

Im Flur des Pflegewohnheims setze ich mich zu ihr aufs Sofa, und sie sagt, sie müsse noch putzen. Erst später fällt mir auf, dass sich das auf diese Art artikulierte Reinlichkeitsbedürfnis auf sie selbst bezieht. Meine Mutter ist inkontinent, und ehe wir noch ein wenig die laue Abendluft eines schönen Spätsommertag im Vorgarten der Einrichtung genießen können, bitte ich ihre Lieblingspflegerin Cigdem, die bereits durchnässten Windeln zu wechseln. Meine Mutter lässt es klaglos geschehen, aber ich merke, dass es ihr peinlich ist, ehe die Demenz sie auch von diesem Gefühl wieder befreit.

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