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Zumindest das Hygienekonzept der Deutschen Fußball Liga ist aufgegangen – vorerst.

Corona-Regeln

Die Bundesliga besteht den ersten Härtetest,  aber ob die neue Demut hält, ist fraglich

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Die Bundesliga hat den ersten Härtetest bestanden. Doch der Restart des Fußballs bleibt umstritten – und bedroht. Der Leitartikel.

Das letzte Spiel war noch gar nicht abgepfiffen, als der erste Spielerberater sich bereits jubelnd in den eigenen Armen lag. Der gelungene Geisterspielbetrieb als „organisatorische Meisterleistung“ habe einem Land der Berufspessimisten und Nörgler, Zauderer und Mahner nun weltweit dringend benötigte Anerkennung gebracht. Der Tenor: Stuttgart 21 verbuddelt, Berliner Flughafen verbockt – was für ein Glück, dass es die Bundesliga gibt.

Deutschland, du Volldepp, dem der Berufsfußball in Zeiten der kollektiven Ohnmacht die Lungenmaschine angelegt hat! Darf es vielleicht auch eine Scheibe weniger sein?

Nie wurde sichtbarer als am hastig um neun Wochen verschobenen 26. Spieltag, dass Bundesligafußball in einer Blase gespielt wird. Die Deutsche Fußball Liga (DFL) ist von Beginn an so ehrlich gewesen, den Restart vor allem als Maßnahme zur Wiederbelebung für ein virus-welkes Produkt zu präsentieren.

Manches wurde dabei von der Fußballlobby als Drohkulisse reichlich dramatisch dargestellt, etwa die vorgeblich unmittelbar drohenden Insolvenzen mehrerer Klubs. Anderes wurde kleiner gemacht, als es tatsächlich ist: Statt der ursprünglich erwähnten 14.000 bis 20.000 Testungen bis Saisonende sind es schon mehr als 10.000 Tests geworden, ehe überhaupt der erste Ball wieder rollte. Der Geschäftszweck heiligt die Mittel.

Mit einigem Erfolg. Das hiesige Fußballlabor hat an diesem sporthistorisch aufgepumpten Wochenende in fast leeren Arenen strategisch gut wirksame Abwehrkräfte gegen das noch immer tückische Coronavirus präsentiert.

Die Branche hat es dabei auch nicht an gut gemeinter Symbolik mangeln lassen: Ersatzspieler mit Mund-Nasen-Schutz unter freiem Himmel weit entfernt voneinander auf den Tribünen. Profis auf dem Feld, die sich – einzelne unziemliche Exzesse unter Missachtung des Abstandsgebotes ausgenommen – beispielhaft getrennt über Tore freuten. Fans, die darauf verzichteten, sich vor den Spielstätten zusammenzufinden – sei es aus Protest oder Gemeinschaftssinn. Ergo: Erleichterung allenthalben, erst einmal.

Der erste Härtetest ist also bestanden. Die Chance, dass das Produkt die Saison übersteht, ist gewachsen. Manche Wut auf den Unterhaltungsbetrieb, der sich wie echoverstärkte Kreisklasse anfühlte, könnte in eine arg gedimmte Leidenschaft münden. Die Freudlosigkeit ist vom Virus verordnet worden, nicht von Fans und Spielern.

Die Begeisterung im Ausland wirkt ungleich größer als das Fußballlebensgefühl hierzulande. Wenn Medien aus aller Welt „Das deutsche Wunder“ bejubeln und sogar das „Wall Street Journal“, „El Pais“ und die „Financial Times“ die Bundesliga in einer Vorbildrolle entdecken, ist das eine nette Begleiterscheinung, die der DFL eines Tages die internationalen Medienerlöse mehren könnten. Dann wäre Deutschland auf diesem Gebiet sogar ein Krisengewinner.

Aber gemach: Auch Wunder können verblassen. Die Spieler, Trainer und Betreuer werden nach einer Woche der Isolation in der Gruppenquarantäne nun wieder ins Leben entlassen, zurück zu ihren Familien und Freunden. Einkäufe und Sozialkontakte außerhalb des familiären Umfelds sollen ausgespart werden.

Das medizinische Vorbeugekonzept der DFL baut darauf, dass bestenfalls niemand angesteckt wird. Aber gerade hat der aktuelle Fall eines Bremer Profis offenbart, dass zumindest eine eigene pubertierende Tochter davor nicht gefeit ist. Wenn nur einige wenige der mehr als eintausend Profis der Ersten und Zweiten Bundesliga das Virus zurück in den Spielbetrieb tragen und Gesundheitsämter darauf ohne Gnade vor dem Geschäftsbetrieb reagieren, droht die skurrile Versuchsanordnung zu scheitern.

Es gibt nach den eiligen Umfragen vor dem Wiederbeginn viele im Land, die das wenig bedauern würden. Es bleibt das hartnäckig flaue Gefühl, dass der Profifußball mit seiner machtvollen Lobby und überdimensionalen medialen Abbildung geradezu obszön viel mehr für sich herausgehandelt hat als Kinder, Alte und Einsame ohne entsprechende Netzwerke und Propagandawerkzeuge. Das dürfte eine Weile im kollektiven Gedächtnis haften bleiben. Aber wird das ungezähmte Wachstum der Bundesliga Schleifspuren über die Pandemie hinaus erleiden, weil mehr Menschen und Medien sich abwenden? Wohl kaum.

Und doch ist gerade gesellschaftlicher Kitt brüchig geworden, dessen Wirksamkeit ohnehin schon oft überschätzt worden sein dürfte. Umso mehr sollten die Demutsgesten vor Politik und Gesellschaft, die die Bundesliga in der Krise fast ebenso eng taktete wie ihre Laboruntersuchungen, dringend auf ihren Tiefgang getestet werden. Der Verdacht liegt aber nah: Wenn das Virus erst besiegt ist, wenn das Publikum zurück ist, wird es genauso weitergehen wie zuvor.

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