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Gedenken an die Befreiung des KZ Auschwitz.
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Gedenken an die Befreiung des KZ Auschwitz.

Gedenken an Auschwitz

Aus Erinnerung wird Geschichte

  • Stephan Hebel
    VonStephan Hebel
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Heute jährt sich die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz zum 69. Mal. Die Epoche der Zeitzeugen geht zu Ende. Deshalb tragen auch die gewohnten Gedenkrituale nicht mehr.

In österreichischen Medien kam jüngst wieder eine dieser Geschichten auf: Am Haus eines Lokalpolitikers der konservativen Volkspartei hing ein Schild mit den Worten „Arbeit macht frei“. Der Mann ließ wissen, er habe sich in seinem Leben aus der Mittellosigkeit hochgearbeitet zur wirtschaftlichen Unabhängigkeit, und entsprechend habe er den Spruch ganz positiv verstanden. Einen „Hintergedanken in Richtung Auschwitz“ habe er nicht gehabt.

Im Konzentrationslager Auschwitz hing der Spruch „Arbeit macht frei“ über dem Tor, durch das unzählige Opfer des deutschen Hitlerregimes den Weg in den Tod gehen mussten. Heute, 69 Jahre nach der Befreiung des Lagers, werden etwa 300 Menschen zur Gedenkfeier dorthin reisen, die ohne einen „Hintergedanken in Richtung Auschwitz“ nicht leben können: Abgeordnete, Minister und andere Persönlichkeiten aus Israel.

"Man komme, um den Schmerz zu erlauben"

Man komme, sagte ein Sprecher des Parlaments, „um dem Schmerz zu erlauben, sich tief in unsere Herzen zu brennen“. Und um „die Erinnerung an die Schoah wachzuhalten“.

Was mag es bedeuten für die wenigen KZ-Überlebenden, die es noch gibt, wenn Sprüche wie „Arbeit macht frei“ oder die aus der SA-Hymne stammende Zeile „die Reihen fest geschlossen“ ohne jeden historischen Zusammenhang verwendet werden, sei es mutwillig oder aus Unwissenheit? Die vor allem jüdischen Opfer und viele ihrer Erben werden so etwas wahrscheinlich nie ohne Schmerz ertragen können.

Das sollte, gerade in Deutschland (oder Österreich), niemand vergessen. Aber kann das schuldbewusste Erinnern, das sich die alte Bundesrepublik im langen Kampf gegen starke Verdrängungskräfte erarbeitet hatte, auch in Zukunft den Umgang mit der Geschichte prägen? Nein.

In diesem Jahr häufen sich bekanntlich die Erinnerungstage: Vor 100 Jahren begann der Erste Weltkrieg, in Deutschland damals gefeiert im fast maßlosen Überschwang des Nationalismus. Vor 75 Jahren trieb die Nazi-Diktatur die Welt in den zweiten großen Krieg. Vor 25 Jahren fand die aus diesem Krieg entstandene Ost-West-Konfrontation und mit ihr die Nachkriegszeit ihr Ende. 1914 bis 1989: Das war das „kurze Jahrhundert“ der Gewalt, von Deutschland entscheidend geprägt.

Heute erleben wir das Ende der Zeitzeugenschaft, was den schlimmsten Teil dieser Epoche betrifft: Diejenigen, die im Jahr der Wende, 1989, geboren wurden, mögen noch Großeltern gehabt haben, die von Diktatur, Zerstörung und bitterer Not berichten konnten – wenn sie denn wollten. Für die eigenen Kinder dieser 25-Jährigen ist die Zeit der heißen, ja sogar der Kalten Kriege so weit entfernt wie Karl der Große. Für die wachsende Zahl derjenigen, deren Eltern gar nicht in Deutschland geboren sind, gilt das erst recht.

Wir erleben die Verwandlung von Erinnerung in Geschichte, und das heißt: Die Betroffenheit, die die gewohnten Formen des Gedenkens prägt, können wir von künftigen Generationen nicht verlangen. Nur wer die Distanz der Jüngeren zu Auschwitz akzeptiert, wird die Geschichte für sie auf andere, neue Weise lebendig machen können.

Es geht darum, wie wir aus der Geschichte lernen

Das tut auch heute noch not. Antisemitismus, Rassismus, Führer-Fantasien sind ja nicht verschwunden. Es geht nicht um die Frage, ob wir weiter aus der Geschichte der deutschen Verbrechen lernen. Es geht darum, wie wir das tun. Das pathetisch ausgerufene „Nie wieder!“, das Brecht’sche „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem dies kroch!“ – mit diesen Ritualen wird sich der Kampf gegen Juden- und Fremdenhass auf Dauer nicht führen lassen.

Im Gegenteil: Den Überdruss an einer Haltung, die jede Erscheinungsform solchen Hasses gleich an Hitlers Verbrechen maß, teilen sicher nicht nur die Unbelehrbaren. Und der aufklärerische Nutzen dieser Haltung darf heute mehr bezweifelt werden denn je.

Die Propheten der Ausgrenzung geben ihren gefährlichen Lehren oft eine eigene, moderne Gestalt. Es besteht sogar das Risiko, dass die Gefährlichkeit hinter der Folie der Nazi-Verbrechen nur schwer zu erkennen ist: Antisemitismus ist heute bei Propheten eines irregeleiteten Islam ebenso verbreitet wie bei Neonazis. Umgekehrt gibt es Formen eines pauschalen Anti-Islamismus, der sein Hasspotenzial sogar hinter dem Anspruch versteckt, das Lebensrecht der Juden verteidigen zu wollen.

Ja, der Hitlergruß ist verboten, und er sollte es bleiben. Und ja, die Geschichte der deutschen Verbrechen wird auch in Zukunft ein entscheidendes Argument sein für Demokratie und Toleranz. Auschwitz muss und darf beim Einsatz für diese Werte Fixpunkt bleiben. Aber das wird mehr und mehr der Erklärung bedürfen. Die heute Älteren werden akzeptieren müssen, dass das Menschheitsverbrechen endgültig aus der lebendigen Erinnerung in die Geschichtsbücher wandert.

Dann steigt sogar die Chance, die heutigen Gefahren mit heutigen Mitteln zu bekämpfen. Dass dazu ein waches Geschichtsbewusstsein gehört, steht außer Frage, ebenso wie die einmalige Dimension der Verbrechen von Auschwitz. Aber das Ende der Zeitzeugenschaft ist gekommen.

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