Auslese

Erinnerung an Moskau-Reise

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Aus Hans Magnus Enzensbergers „Tumult“.

Ein Zufallsfund im Keller sei es gewesen, schreibt Hans Magnus Enzensberger, der ihn zum Verfassen seines autobiografischen Buches „Tumult“ veranlasst habe. Dort habe er alte „Sudelhefte und Mappen“ aus den wilden 60ern entdeckt, die er nun mit den Ansichten des alten Mannes kontrastiert. Das ist die Klammer seines jüngsten Werkes, das nun im Suhrkamp-Verlag erscheint. Die „FAZ“ hat daraus einen langen Bericht von einer Russlandreise im Jahr 1963 vorabgedruckt. An einem Nachmittag im August landete Enzensberger mit einer russischen Maschine in Leningrad.

„Dort waren Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir, Nathalie Sarraute, Angus Wilson, William Golding, Giuseppe Ungaretti und Hans Werner Richter angereist, und auf der östlichen Seite traten Michail Scholochow, Ilja Ehrenburg, Konstantin Fedin, Alexander Twardowski, Jewgeni Jewtuschenko, Jerzy Putrament aus Polen und Tibor Dery aus Ungarn auf. Auch aus der DDR hatte sich jemand eingefunden, ein gewisser Hans Koch, von dem nur zu hören war, daß er dem ostdeutschen Schriftstellerverband als Sekretär diente.“

Eigentlich war ein Treffen mit Chruschtschow gar nicht vorgesehen, aber plötzlich ereilte die Schriftsteller die Nachricht, dass der mächtigste Mann des Landes sie zu treffen wünschte. Am 13. August war es soweit: „Er kommt fast ohne Leibwächter aus. Die Besucher werden nicht durchsucht. Dieser Mut ist sympathisch, weil er kein Aufhebens macht. Die Räume sind zu groß für den Mann, der sie bewohnt. Der Instinkt für den Reichtum fehlt ihm. Kleine Gegenstände, die kein Architekt vorgesehen hatte, fallen aus dem Rahmen: eine kleine schäbige Wanduhr, ein deplatzierter rosa Aschbecher. Auch ist das Haus zu gut aufgeräumt; es würde den Bewohner nicht vermissen und böte sich jedem Nachfolger an. (...) Es folgt eine Rede von fünfzig Minuten, die jeden logischen, diskursiven Zusammenhang vermissen läßt. Er fängt ruhig, etwas stockend an, gerät in Eifer, schleppt Beispiele und Anekdoten herbei, spricht schneller, langt bei einer unvorhergesehenen Wendung an und hält dann plötzlich inne. Er scheint selber überrascht über das, was er gesagt hat. (...)

Undeutlich an Chruschtschow bleibt nach dieser Begegnung nicht viel. Durch ein Plebiszit oder durch parlamentarische Wahlen wäre dieser Mann nie in den Besitz der Macht gelangt. (...) Seine Grundüberzeugungen sind so schlicht, daß sie sein Verhalten nicht programmieren, sondern umgekehrt. (...) Von seiner größten politischen Leistung ahnt er nichts. Sie liegt in der Entzauberung der Macht. Ein Mann ohne Geheimnis an der Spitze des Staates: das ist in der Welt selten; in Rußland ist es unerhört. Den Personenkult dementiert er nicht allein ideologisch, was wenig zu bedeuten hätte, sondern durch seine Person. (...) Am Tisch dieses Menschen mag man gähnen, aber man fühlt sich nicht bedroht.“

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