Gastbeitrag

Ergänzt die Reflexe aus der Finanzkrise

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Programme gegen die Corona-Krise müssen über bekannte Strategien hinausgehen.

Die Fallzahl der Covid-19-Infektionen droht zu explodieren. Expertinnen und Experten warnen, dass die Fallzahlen schon bald die Kapazität unseres Gesundheitssystems übersteigen könnten, auch wenn es gelingt, die Infektionsraten zu verlangsamen. Die Empfehlung lautet, radikale Maßnahmen zur Eindämmung der Epidemie umzusetzen. Dies ist auch aus ökonomischer Perspektive die richtige Strategie.

Fast alle Staaten beschließen einschneidende Maßnahmen und überall ist klar: Wir sind in der Rezession! Der Covid-19-Schock lässt in seinen Auswirkungen wenig Deutungsspielraum. Die politisch verordnete Einschränkung des Waren- und Dienstleistungsangebots könnte die stärksten Einbrüche des Bruttoinlandsprodukts seit dem Zweiten Weltkrieg verursachen. Es fehlt nicht an Aufgaben oder Möglichkeiten, der Staat muss koordinieren und dort einspringen, wo es die Wirtschaft selbst nicht tut. Selbst US-Präsident Donald Trump beeinflusst inzwischen US-Firmen.

Aber wir wissen auch: Die Epidemie wird erst durch Impfstoff oder Immunisierung ihr natürliches Ende finden. Solange muss nicht nur die intensivmedizinische Versorgung sichergestellt werden, sondern auch unsere Wirtschaft durchhalten. Denkbar sind zwei Extremszenarien, in denen sowohl das Gesundheitssystem als auch die Wirtschaft überfordert werden. Zum einen eine ungebremste Ausbreitung des Virus, die das Gesundheitssystem überfordert, und zum anderen eine zu zögerliche und zaghafte politische Intervention.

Der wirtschaftliche Schaden ist in beiden Fällen groß. Gerade in einem Szenario mit zögerlichen Maßnahmen, die die Wirtschaft mehr schwächen als die Ausbreitung des Virus eindämmen, erholt sich die Wirtschaft nur äußerst langsam und könnte Jahre unter ihrem bisherigen Niveau bleiben. Werden dagegen strikte Maßnahmen entschieden politisch durchgesetzt, bleibt das Gesundheitssystem stabil und die Konjunktur reagiert nur für sehr kurze Zeit sehr stark, bevor sie zu ihrem Ausgangsniveau zurückkehrt. Eine erfolgreiche Eindämmung des Virus ist der Schlüssel zur Lösung der Krise. Solange dies nicht geschehen ist, wird Nachfragepolitik kaum zur Bekämpfung der Krise beitragen.

Die Ausgangslage für die Politik ist günstig, um eine Katastrophe abzuwenden. Die Bundesrepublik verfügt über volle Kassen, einen soliden Arbeitsmarkt und ein sehr gutes Gesundheitssystem. Zudem sind die Zinsen für Investitionen tief, Geld- und Finanzpolitik haben rasch reagiert.

Aber die angekündigten Hilfen und Programme, die in ähnlicher Form schon in der Finanzkrise zum Einsatz kamen, werden nicht ausreichen, um diese gesundheitliche Krise zu meistern. Dazu unterscheidet sie sich in Ursache und Wirkung zu stark von der Finanzkrise. Jetzt ist eine Strategie nötig, die nicht nur Insolvenzen verhindert, sondern den Gesundheitssektor stärkt – auch abseits der Welt des Geldes.

Denkbar wäre eine zweckgebundene europäische Anleihe für Gesundheitsausgaben, die nationale Haushalte entlasten würde und als sicherer Hafen das Potenzial hätte, die Finanzmärkte zu beruhigen. Gleichzeitig könnte sie den humanitären Zusammenhalt in Europa stärken.

Darüber hinaus wird es darum gehen, die vorhandenen Ressourcen bestmöglich zu nutzen, um den Gesundheitskollaps zu verhindern. Falls es gelingt, die Wirtschaft auf den Krisenlösungsmodus umzuprogrammieren und mit neuen Aufgaben auszulasten, fällt auch der wirtschaftliche Schaden geringer aus.

Eine europäische Koordinierung könnte brachliegende Ressourcen dort nutzbar machen, wo sie gebraucht werden. Mit dem Stillstand des Flugfrachtverkehrs sind Kapazitäten frei geworden, um Hilfe und Material bedarfsgerecht einzusetzen. Umschulungen in den Pflegedienst oder auch niedrigschwellige Hilfsangebote für Risikogruppen könnten Menschen helfen, ihr Arbeitseinkommen zu sichern und Leben zu retten. Die Bildungseinrichtungen brauchen kreative Unterstützung für ihre Onlineangebote, um nur einige Beispiele zu nennen.

In Italien wurden mit Open-Source-Beatmungsgeräten aus dem 3D-Drucker bereits Leben gerettet. Es wird sicher dauern, bis wir alle einen Weg gefunden haben, in und mit der Krise zu agieren. Wichtig ist aber, dass sich eine agile Denkweise durchsetzt, um mit den neuen Gegebenheiten kreativ umzugehen. Auch die Gesundheitsversorgung ist auf das angewiesen, was wir wirtschaften nennen: einen effizienten Umgang mit Ressourcen für das Lösen der Probleme unserer Zeit.

Jan Philipp Fritsche ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am DIW Berlin. 

Patrick Christian Harms ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Hamburg.

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