Kolumne

Ein Tag in Erfurt

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Ich weiß nicht, wie mein Großvater war. Sicher ein komplizierter Mensch. Ich hätte ihn gemocht, denn Kinder lieben ihre Großväter. Dazu hatte ich aber keine Gelegenheit.

Meinen Großvater habe ich nie kennengelernt. Er war Ingenieur. Eigentlich ein ehrbarer Beruf. Seine Familie freilich hatte mehr von ihm erwartet. Seine Onkel hatten allesamt Doktortitel, einige waren sogar Professoren. Meinem Großvater gelang eine solche Karriere nicht.

Weshalb das so war, weiß ich nicht genau. Er hatte keinen guten Start ins Leben, denn seine von der Familie sehr geliebte Mutter starb kurz nach der Geburt. Irgendwie blieb von diesem Unglück etwas an dem Kind hängen. Es lag kein Vorwurf im Blick seiner Familie, eher ein Gefühl von Verlorenheit, mit dem der Knabe aufwuchs.

Am Tag, als der große Festakt zu 100 Jahren Weimarer Verfassung stattfand, fuhr ich nach Erfurt, um dort für Studenten ein Seminar abzuhalten. Es ging dabei um Geschichtsaufarbeitung. Denn die Tatsache, dass Aufarbeitung im Westen Deutschlands zu spät und wenig geschehen war, lenkt den Blick davon ab, dass die DDR davon wenig wissen wollte.

Mit der Deklaration, fortan ein antifaschistisches Land zu sein, blieb aus, was Aufarbeitung ausmacht. Über die schwierige und schmerzvolle Erinnerung, über Mittäterschaft oder Duldung der Verbrechen im eigenen Umfeld wurde nicht gesprochen.

Im Osten Deutschlands, so erklärten wir den Studenten, haben ebenso viele dem Untergang der Weimarer Republik zugejubelt wie im Westen und ebenso viele steckten Hitler danach ihren Arm entgegen. Vernichtungskrieg und Zerstörung, der systematische Massenmord an den Juden bildeten das Erbe der Nachkriegszeit, auch im Osten.

Das Seminar fand am Erinnerungsort Topf und Söhne statt, der erst 1993 eingerichtet wurde. Weithin sichtbar prangt an der Ecke des Hauses das Zitat „Stets gern für Sie beschäftigt ... “. Die Schrift markiert von außen die Arbeitsplätze jener Ingenieure, die daran arbeiteten, die bestmögliche industrielle Feuerungstechnik für die Verbrennung der Opfer des Völkermordes in Auschwitz zu konstruieren.

Die Firma Topf und Söhne hatte beim Aufbau der Todesfabriken in Auschwitz-Birkenau eine Schlüsselrolle. Und wie selbstbewusst sie der SS gegenübertrat, zeigt sich im Geist der Dienstbarkeit dieses Satzes.

Die Aufschrift hat mich irritiert. Das sollte sie wohl auch. Sie wirkt zynisch. Gerade weil den Ingenieuren jeglicher Zynismus damals fremd war. Die Todesöfen bestanden für sie aus technischen Daten. Nicht einen Augenblick ging es ihnen um die Menschen, die dort verbrannt werden sollten. Für sie waren es keine.

Die Führung nach dem Seminar durch die Ausstellung hat mir zugleich den Atem genommen und mich wütend gemacht. Jedes Schriftstück, jedes Foto zeugt von der Kälte der Menschen in dieser industriellen Vernichtungsmaschinerie. Sie zeugt auch davon, dass allen, einschließlich der Belegschaft, absolut klar war, was sie taten.

Ich weiß nicht, wie mein Großvater wirklich war, sicher ein komplizierter Mensch. Ich hätte ihn in jedem Fall gemocht, denn Kinder lieben ihre Großväter. 1943 wurde die Familie vor aller Augen aus ihrer Wohnung in Berlin-Charlottenburg gezerrt, er, seine zweite Frau und die Kinder.

Das Datum der Deportation, der Ankunft in Auschwitz und ihr Tod sind auf einer Liste akribisch vermerkt. Die diensteifrigen, kaltschnäuzigen Ingenieure von Topf und Söhne aus Erfurt taten am Ende das Ihrige dazu.

Anetta Kahane ist Vorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung.

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