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Viele Menschen sagen ihre Reisen ab oder gehen – wie diese Fluggäste am internationalen Flughafen in Peking – auf Nummer sicher. 

ANALYSE

Die Epidemie fordert uns als Kollektiv heraus

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Das Coronavirus Sars-CoV-2 ist fähig, unser Gesundheitssystem zu überlasten. Wir müssen neu denken und neue Wege gehen, um diese Herausforderung zu meistern. Eine Analyse.

Haben Sie einen Notvorrat angelegt? Sollten Sie! Nicht aus Angst oder Hysterie, sondern aus Vernunft. Das Problem mit dem neuartigen Coronavirus ist nämlich, dass wir zu ichbezogen an es herangehen. Wir fragen uns: Was kann mir das Virus tun? Die Antwort rechtfertigt keinen Notvorrat: Für die meisten ist es ungefährlich. Viele merken nicht mal, dass sie infiziert sind. Oder wir fragen: Wie schädlich ist das Virus für die Wirtschaft? Auch das ist eine Sicht aus der Ich-Perspektive mit Partikularinteressen, denen der Wirtschaft.

Doch das ist falsch. Wir leben in Zeiten einer beginnenden Pandemie, obwohl die Politik dieses Wort noch nicht auszusprechen wagt. Sars-CoV-2 hat sich mit enormer Geschwindigkeit ausgebreitet. Wir müssen in denselben Dimensionen denken. Nicht das Ich hat im Mittelpunkt zu stehen, auch wenn sich jede und jeder selbst die oder der Nächste ist, sondern das Wir. Daher ist die Frage, was das Virus mir oder der Wirtschaft tun kann, die falsche Frage. Wir müssen fragen: Was kann es uns tun, in unserer Gesamtheit? Sofort sehen die Dinge anders aus, denn das Virus fordert durchaus Todesopfer, wenn auch nicht unter durchschnittlich gesunden Menschen. Die verbreiten das Virus dennoch weiter. Das ist das Tückische an Sars-CoV-2: Es ist nicht nur sehr ansteckend, sondern kann zu einem Zeitpunkt übertragen werden, zu dem der Überträger noch nicht weiß, dass er es hat. Jede und jeder trägt Verantwortung für andere Menschen, auch für solche, mit denen man nicht persönlich bekannt ist.

Experten rechnen damit, dass sich Sars-CoV-2 auf bis zu 70 Prozent der Bevölkerung ausbreiten könnte. Ohne Hysterie verbreiten zu wollen: Eine nüchterne Rechnung zeigt die Dimensionen, die das Virus in Deutschland bekommen kann. Bei einer angenommenen Sterblichkeitsrate von 0,5 Prozent hätten wir etwa 300 000 Todesopfer hierzulande. Manche Experten setzen diese Rate höher an, manche niedriger. Wie auch immer: Die vom „Coronavirus“ ausgelöste Krankheit Covid-19 ist trotz ähnlicher Symptome nicht mit Grippe vergleichbar und schon gar nicht mit einem gewöhnlichen Schnupfen. Es ist ein neues Virus, das unser Gesundheitssystem überlasten kann, wenn im Verlauf der Epidemie, also nicht gleichzeitig, bis zu drei Millionen Menschen intensivmedizinisch betreut werden müssen – bei rund 28 000 Intensivbetten insgesamt in deutschen Krankenhäusern.

Wir sollten also vernünftig sein. Für viele Menschen in Deutschland bringt das Virus schon jetzt tiefe Einschnitte ins gewohnte Leben mit sich. Die Finanzbörsen weltweit haben bereits gebebt. Die Politik reagiert „verhältnismäßig“ und „angemessen“. Sie legt das Maß an – und zwar an die Entwicklung, wie sie zu beobachten ist. Große Teile dieser Entwicklung bleiben jedoch verborgen. Niemand weiß, wie viele Menschen momentan wirklich infiziert sind. Es dürften weit mehr sein als diejenigen, bei denen die Infektion entdeckt wurde.

Statt nur zu reagieren, sollten wir aktiv werden, und zwar EU-weit und nicht erst in zwei Wochen, in denen sich das Virus stark weiter verbreiten kann. Das bedeutet: Universitäten, Schulen und Kitas sofort schließen, Großveranstaltungen wie Konzerte und Messen verschieben, Menschenmengen vermeiden – Homeoffice für alle, sofern machbar. Bleiben wir zu Hause! Bundesliga-Fußballspiele fänden in leeren Stadien statt, TV-Shows ohne Publikum, aber nach drei geisterhaften Wochen könnten wir angstfrei zur Normalität zurückkehren, jedenfalls überwiegend. Reisen blieben weiterhin schwierig. Dennoch: Nach etwa zwei Wochen wären alle Infizierten erkannt und unter Quarantäne. Es kämen keine Neuinfektionen mehr hinzu, weil das Virus nicht weitergegeben wurde. Die Infektionsketten wären unterbrochen. Für die meisten der Infizierten wäre eine Woche später alles überstanden, und die problematischen Fälle wären auf den Intensivstationen versorgt. Die Gefahr wäre vorbei. Darum muss neu abgewogen werden, welche Maßnahmen „verhältnismäßig“ und „angemessen“ sind.

Daher: Notvorrat für alle, damit häusliche Quarantäne möglich wird! Keine Hamsterkäufe über den Bedarf hinaus, sondern normale Einkäufe, nur eben vorgezogen für jene drei Wochen. Legen Sie sich vor allem solche Lebensmittel zu, die Sie ohnehin verbrauchen, außerdem Konserven, haltbare Milch und Vitaminpräparate. Denken Sie auch an einen Vorrat an Medikamenten, die Sie regelmäßig brauchen.

Sars-CoV-2 betrifft nicht nur einzelne Menschen, sondern uns alle, das Kollektiv. Also müssen wir als Kollektiv denken, als Wir. Übergeordnete Interessen sind im Notfall wichtiger als das, was der oder die Einzelne möchte. Sars-CoV-2 ist ein solcher Notfall.

Von Lutz Büge

Und Gott sendete mit Corona die Plage: Kommunion und Weihwasser werden in Zeiten des Coronavirus zum Risiko. Fundamentalisten sehen in der Pandemie eine Strafe Gottes - das ist brandgefährlich.

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