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Entstaatlichung und Holocaust

  • VonDaniel Haufler
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Der Historiker Timothy Snyder verteidigt sich.

Das neue Buch des Historikers Timothy Snyder über den Holocaust wurde einerseits hoch gelobt, andererseits scharf kritisiert. Als problematisch galt manchen Experten vor allem die These, dass die Entstaatlichung in den besetzten Gebieten die wesentliche Grundlage des Holocaust gewesen sei – und dass daraus für heutige Massenmorde Schlüsse zu ziehen seien. Hinzu kommt Snyders etwas eigenwillige Deutung von Hitlers „ökologischem“ Denken. In mehreren Interviews verteidigte er nun seine Thesen.

In der „Welt“ fasst er zusammen, was für ihn die Voraussetzungen des Holocaust sind: „Eine globale Ideologie – im Falle Hitlers der Antisemitismus –, die Zerstörung von Staaten und eine ökologische Panik. Wenn man diese Faktoren in Betracht zieht, werden bestimmte Erscheinungen der Zeit von 1945 bis heute besser erklärbar. Der Massenmord in Ruanda ereignete sich während eines Bürgerkriegs, ein Jahr nach einer Erntekrise. (...) Der gegenwärtige Völkermord an den Jesiden in Syrien tritt nach vier aufeinanderfolgenden Jahren von Missernten, der Zerstörung des irakischen Staats und dem Zusammenbruch des syrischen Staats auf. Ich sage nicht, dass sich der Holocaust genauso wiederholen könnte, weil bestimmte Vorbedingungen für ihn auch heute gültig sind. Aber es gibt bestimmte gefährliche Tendenzen, die wir besser und früher wahrnehmen können, wenn wir den Holocaust genauer und breiter interpretieren.“

Die deutsche Erinnerungskultur konzentriere sich zu sehr auf die Lager, auf Auschwitz und die deutschen Juden. Doch 97 Prozent der Opfer hätten in den osteuropäischen Gegenden gelebt, in denen der Staat zerstört wurde, sagt Snyder im Gespräch mit dem „Spiegel“. Sie „hatten eine Chance von eins zu zwanzig, den Krieg zu überleben. Wer in Gegenden lebte, in denen der Staat weiterbestand, hatte eine Chance von eins zu zwei.“

Der komplexe Versuch, die Taten der Einparteiendiktatur und des Genozids in den eroberten entstaatlichten Gebieten zusammenzuführen, hat jedoch seine Schwächen, wie der Historiker Michael Wildt kürzlich in der „Süddeutschen Zeitung“ anmerkte: „Für die NS-Führung war die Auslöschung der Sowjetunion von vornherein klar. Im Osten sollte ja das neue, rassistische Lebensraumimperium der Deutschen entstehen. Snyder unterschätzt die Vorbereitung des Genozids in der Sowjetunion.“

Sinn ergibt Snyders These vor allem, wenn man das Schlusskapitel seines Buches liest. Der Autor – mittlerweile zum Berater des US-Präsidenten aufgestiegen – möchte ein Plädoyer für intakte Staaten halten, deren Bewohner als Staatsbürger mit Rechten ausgestattet und somit vor Rechtsverletzungen geschützt sind. Ob es dazu der Geschichte des Holocausts bedurfte, ist zumindest fraglich, wie Historikerkollege Wildt zu Recht meint.

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