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In der Entscheidenden Phase

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Um die Regenwälder und ihre Artenvielfalt zu retten, wird eine Reduktion der Treibhausgas-Emissionen immer dringlicher.

Von Claude Martin

Die gute Nachricht: Die Bäume sind in der Überzahl! Auf jeden Erdenbürger kommen etwa 420 Bäume, dies ergab jüngst eine Analyse von Wissenschaftlern aus Yale. Das sind zwar mehr, als man bisher vermutete, doch leider immer noch viel zu wenig. Kürzlich trafen sich Forstexperten, Naturschützer und Politiker aus aller Welt im südafrikanischen Durban, zum Weltforstkongress, um nach Lösungen zu suchen, wie sich die Entwaldung stoppen lässt. Denn trotz des noch gewaltigen Baumbestandes hat die Menschheit die Hälfte der einstigen Urwälder bereits vernichtet. Das ist beunruhigend. Jedes Jahr gehen immer noch etwa neun Millionen Hektar Wald, eine Fläche so groß wie Bayern und Hessen zusammen, verloren. Darüber kann auch der gerade vorgelegte Weltforstbericht der Welternährungsorganisation (FAO) nicht hinwegtäuschen, der immerhin eine Verringerung der Entwaldungsgeschwindigkeit konstatiert.

Die „Durban Declaration“ weist auch darauf hin, dass nachhaltig bewirtschaftete Wälder wesentlich zur Bekämpfung des Klimawandels beitragen können. Ihre Fähigkeiten, Kohlenstoff zu absorbieren und zu binden, und ihre anderen Umweltleistungen gelte es zu verbessern.

Der Anspruch, die nachhaltige Forstwirtschaft zu fördern, ist allerdings nur insofern neu, als er im Licht der Klimaveränderung zusätzliche Bedeutung erlangt. Gerade in den tropischen Wäldern sind in dieser Beziehung große Anstrengungen vonnöten, da nur ein kleiner Bruchteil dieser Wälder wirklich nachhaltig bewirtschaftet wird. Die Vereinbarung von Durban wird daran kaum etwas ändern.

Insbesondere die Bedrohung der tropischen Regenwälder ist dramatisch. War bislang vor allem der Hunger nach Holz, Fleisch und Palmöl der Treiber der Entwaldung, fordert mit dem fortschreitenden Klimawandel ein neuer Regenwaldkiller seinen Tribut. Dürren und Waldbrände nehmen immer mehr zu. Das Zusammentreffen von Agrarindustrie, Zerstückelung durch Erschließungsstraßen und Klimawandel wird zum tödlichen Giftcocktail.

Bis vor einigen Jahren ging man davon aus, dass die tropischen Regenwälder ihre Funktion als Kohlenstoffsenken wahrnehmen können, wenn der Entwaldung und der damit verbundenen Emission von Treibhausgasen Einhalt geboten würde. Hoffnungen, dass ein Drittel der Treibhausgasemissionen durch die verhinderte Entwaldung vermieden werden könnte, sind aber irreführend. So einfach werden wir unsere Klimaschulden nicht los: Berechnungen dieser Art lenken ab von der dringenden Notwendigkeit, den Verbrauch fossiler Energieträger zu reduzieren, weil sie von einer illusorischen Vorstellung der Entwaldungsdynamik ausgehen.

Diese Erfahrung musste man schon mit dem Konzept von REDD, dem Mechanismus der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen, machen. Die tropische Entwaldung ist ein viel zu komplexer Prozess als dass man ihn mit einer einfachen Kompensation für verhinderte Entwaldung unterbinden könnte. Die Grundursachen der direkten und indirekten Entwaldung in den Tropen könnten nämlich nicht unterschiedlicher sein:

Es liegen Welten zwischen der Umwandlung von Regenwald zu Viehweiden oder Ölpalmenplantagen aus rein kommerziellen Gründen, der Subsistenzlandwirtschaft von armen Kleinbauern, dem Brennholz- und Holzkohlebedarf etwa von Kinshasa und Kisangani, und dem nicht nachhaltigen und oft illegalen Holzeinschlag, der zur Degradierung riesiger Waldflächen führt. Mit einem groben monetären Werkzeug kommt man der Vielfalt dieser Probleme niemals bei. Deshalb hat sich der etwas naive Enthusiasmus über REDD in den vergangenen Jahren trotz Fortschritten abgekühlt, umso mehr als die Finanzierung der Kompensationszahlungen, sei es durch handelbare Emissionszertifikate oder einen internationalen Fonds, nicht geregelt ist.

Inzwischen weiß man, dass tropische Regenwälder nicht in der Lage sind, unendlich flexibel auf die Klimaveränderung zu reagieren, um ihre Rolle als Kohlenstoffsenker zu erfüllen. Die Erderwärmung bewirkt in vielen Regionen der feuchten Tropen verlängerte Trockenzeiten. Zu beobachten ist dies besonders in sogenannten El-Niño-Jahren, in denen Auswirkungen der Erwärmung des östlichen äquatorialen Pazifiks zusätzlich spürbar werden.

Wie schon in den Jahren 2005 und 2010 ist auch im kommenden Winter damit zu rechnen, dass große Teile des Amazonasbeckens unter Dürre leiden. Damit droht sich zugleich die geschätzte Kohlenstoff-Speicherkapazität Amazoniens ins Gegenteil zu verkehren. Wenn tropische Regenwälder unter Trockenstress leiden und die Fotosyntheserate absinkt, während die Pflanzenatmung und das Absterben von Bäumen zunehmen, können diese Wälder zu Kohlendioxid-Emittenten werden. Eine steigende Waldbrandgefahr kommt hinzu.

Die tropischen Regenwälder sind viel mehr Opfer der Klimaveränderung als dass sie uns vor unserer eigenen Unvernunft retten könnten. Deshalb reicht es nicht, die Sägen zu stoppen. Um die Regenwälder und ihre immense Artenvielfalt zu retten, wird eine Reduktion der Treibhausgas-Emissionen immer dringlicher. Wenn die Regenwälder verschwinden, kippt unser Klima und wenn wir den Klimawandel nicht bremsen, werden die Tropenwälder kaum zu retten sein.

Claude Martin ist Biologe und ehemaliger Generaldirektor des WWF-International. Er schrieb den Bericht Club of Rome „Endspiel – Wie wir das Schicksal der tropischen Regenwälder noch wenden können“, oekom Verlag, München.

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