Leitartikel

Entlarvte Legenden

Die Studie über das Auswärtige Amt regt zu weiterer Aufklärung an. Um aus der Geschichte zu lernen, schauen wir auf die Mechanismen des Mitläufertums und die Methoden der Vertuscher.

Von Volker Schmidt

Das Auswärtige Amt hat sich also zwischen 1933 und 1945 die Finger schmutzig gemacht. Potztausend! Dabei kam doch vor ein paar Jahren erst heraus, dass die Wehrmacht Kriegsverbrechen begangen hat. Wo soll das hinführen? War Hitler am Ende gar Antisemit?

Als gnädig spät Geborener erschrickt man weniger über die Erkenntnisse der Studie „Das Amt und die Vergangenheit“ als über die kollektive Überraschung darob. Auch den Autoren der Studie ist in ihren vielen Interviews eine gewisse Ungeduld anzuhören, und ihr Auftraggeber, Ex-Außenminister Joschka Fischer, sagte sogar, er persönlich hätte diese Studie nicht gebraucht. Wer sich für deutsche Geschichte interessiert, der kennt die Werke von Léon Poliakov, Joseph Wulf und Christopher Browning, die schon viel früher zu den gleichen Erkenntnissen kamen, bis hin zu der jetzt so berühmt gewordenen Reisekostenabrechnung mit dem Zweck „Liquidation von Juden“.

Das schmälert die Leistung der internationalen Historikerkommission keineswegs. Nicht nur geht sie in Umfang und Erkenntnistiefe über die Vorgänger hinaus, vor allem ist es ihr im Gegensatz zu diesen endlich gelungen, ins Bewusstsein der deutschen Öffentlichkeit vorzudringen. Auch dank geschickten Umgangs mit den Medien. Dass gerade die Frankfurter Allgemeine, 2003 Zentralorgan der Kritik an Minister Fischers Verweigerung „ehrenden Andenkens“ für belastete Diplomaten und damit ein Grund für den Auftrag an die Historikerkommission, deren Erkenntnissen sieben Seiten widmete, ist mit „Ironie der Geschichte“ unzureichend gewürdigt. Zumal da Streikaktionen in der Druckerei dazu beitrugen, dass der vorbereitete Aufschlag von Frank Schirrmacher die aktuelle Berichterstattung im Feuilleton der Sonntags-FAZ komplett verdrängen konnte. Der Zufall hatte also die Finger im Spiel dabei, die Täter vom Amt zu demaskieren.

Die Studie der Historikerkommission beleuchtet auch, wie nach der mythischen „Stunde null“ der Bundesrepublik die Legende entstehen konnte, das Außenamt sei nicht nur an Völkermord und Kriegsverbrechen unbeteiligt, sondern gar ein Hort des Widerstands gewesen. Sie blickt ins Räderwerk eines Mechanismus, den zu studieren lohnt: in den Beamtenapparat. Ein Roboter, der 1933 einfach weiterläuft und die neue Programmierung schluckt wie jede andere und der sich 1945 so umkonstruiert, dass seine Bestandteile geschützt bleiben. Gegner des NS-Regimes, auch das eine wichtige Erkenntnis der Studie, fanden praktisch keinen Zugang zum AA der jungen Bundesrepublik – ihr Wissen wäre gefährlicher Sand im Getriebe gewesen.

Es ist längst eine Binsenweisheit, dass die „Stunde null“ keine war. Die Aufregung über die Amtsstudie zeigt, dass es dieser Weisheit so geht wie vielen Wahrheiten: Kennen wir, müssen wir nicht mehr drüber nachdenken. Und sind dann jedes Mal wieder überrascht, wenn eine Legende wie die um Wehrmacht oder Außenamt platzt, wenn Kasernen immer noch nach Kriegsverbrechern heißen oder Sportplätze nach belasteten NS-Funktionären.

Die Studie ist sicher nicht das letzte Puzzleteil im Bild der NS-Zeit; die Geschichtswissenschaft kennt keine vollständigen Bilder. Aber sie könnte ein so großes, so wichtiges Teil sein, dass es nach Verfertigung der groben Züge auch in der Öffentlichkeit um Details gehen kann, an denen Historiker längst arbeiten. Es ist viel Platz zwischen der These, die Deutschen seien durchweg willige Vollstrecker gewesen, glühende Antisemiten allesamt, und der Behauptung, die Mehrheit habe vom Massenmord nichts gewusst.

Ministerien und Ämter, von der Bundes- bis hinab zur kommunalen Ebene, haben die Pflicht, sich mit den Mechanismen des Mitläufertums nach 1933 und den Methoden der Vertuscher nach 1945 auseinanderzusetzen. Systematisch, von sich aus. Und zwar schnell, solange noch Zeitzeugen leben. Es darf nicht mehr dem Zufall überlassen sein, ob Kontinuitäten bekanntwerden, Legenden entlarvt. Dabei geht es nicht darum, jedes einfache NSDAP-Mitglied zum Verbrecher zu stempeln. Es geht nicht mal so sehr um Schuld und Unschuld. Sondern darum, aus der Geschichte zu lernen. Wie lässt sich sicherstellen, dass immer genug Sand im Getriebe ist, damit kleine und große Rädchen sich nicht für verbrecherische Ziele drehen? Es braucht viele solcher kleiner Lehren, um die eine große Lehre aus den Verbrechen Deutschlands zu untermauern: das „Nie wieder“.

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