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Viele rührt Enkes Schicksal bis heute.

Leitartikel

Enkes Vermächtnis

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Seit dem Suizid des depressiven Torhüters hat sich wenig getan. Noch immer wird die Krankheit als Burn-out beschönigt. Das klingt nach Fleiß, nach Ursache undWirkung. Das muss sich ändern.

Schwarze Schatten legen sich auf die Seele, saugen alles Glück aus den Adern. Herz und Hirn erkalten. Der Mensch wird zur leeren Hülle in einem tiefdunklen Labyrinth. Die Angst regiert. Die Depression ist ein Teufel.

Zehn Jahre ist es her, dass sich Robert Enke, schwer depressiv, das Leben nahm. Besessen von der irrationalen Angst zu versagen, besessen von der Sorge, seine Krankheit könne öffentlich werden und seine Karriere beenden, sah er keinen anderen Ausweg als den Tod auf den Bahngleisen.

Millionen trauerten. Viele rührt Enkes Schicksal bis heute. Warum? Weil der Leidensweg des Torhüters eine moderne Tragödie bleibt, die nicht nur das dämonische Mysterium Depression für einen Moment greifbarer machte, sondern die auch vom Erwartungsdruck in der Leistungsgesellschaft erzählt. Von der tiefen Angst, nicht mithalten zu können. Eine Angst, die längst nicht nur jene spüren, die im grellen Licht der Öffentlichkeit stehen.

Fußball sei nicht alles, hieß es in den Wochen nach seinem Suizid. Und Leistung dürfe nicht das einzige Kriterium für den Wert eines Menschen sein. Alles richtig. Aber die Wahrheit ist: Seit dem Tod des ehemaligen Torhüters hat sich wenig getan. Die Unwissenheit bleibt groß. Die Depression ist weiter ein gewaltiges, unheimliches Rätsel. Und Leistung ist der Fetisch unserer Zeit.

Warum ist die Krankheit ein Tabu? Weil Depressive die Gesunden an die Verletzlichkeit der Seele erinnern. Das macht Angst. Die Psyche ist ein tiefes Gewässer, in das sehr viele Menschen nicht einmal den großen Zeh zu stecken wagen – aus Angst vor der Übermacht der eigenen Abgründe.

Das ist auch der Grund, warum die Gesellschaft die Depression lieber als „Burn-out“ beschönigt. „Ausgebrannt“ – das klingt nach Überarbeitung, nach Fleiß bis zur Selbstausbeutung. Und es klingt nach Ursache und Wirkung. Als ergebe alles einen Sinn.

In Wahrheit ist die Depression sinnlos. Sie kennt kein reich und kein arm, kein glücklich oder unglücklich, kein jung oder alt, faul oder fleißig – es ist ihr egal. Sie ist wie Krebs. Sie kommt einfach. Sie hat Millionen Gesichter. Sie ist eine lebensgefährliche Krankheit, die jeden treffen kann.

Jeder Fünfte in Deutschland leidet mindestens einmal im Leben daran. Es gibt Umstände, die sie begünstigen. Aber niemand, der depressiv ist, trägt die Schuld daran. Trotzdem hören Betroffene bis heute, sie müssten sich „bloß mal zusammenreißen“. Dabei besiegt niemand diesen Teufel mit reiner Willenskraft. Es nützt nichts, sich vorzunehmen, nicht depressiv zu sein.

Ein gebrochener Arm ist für jedermann sichtbar. Klare Sache: Schwer tragen geht gerade nicht. Eine gebrochene Seele dagegen ist von außen unsichtbar. Und es gehört zu den perfiden Taktiken der Depression, dass sie sich selbst für endgültig erklärt, dass sie für den Erkrankten jede Aussicht auf Heilung verbaut. „Wir haben geglaubt, mit Liebe geht das“, sagte Enkes Witwe Teresa bei ihrem zutiefst anrührenden Erklärungsversuch nach dem Tod ihres Mannes. Aber nicht mal Liebe hilft.

Enkes Tod hat auch deshalb solche Trauer ausgelöst, weil es bei aller Schrecklichkeit etwas Befreiendes hat, wenn ein Tabu aufbricht. Denn das Tabu ist in vielen Fällen mindestens genauso schädlich wie die Krankheit selbst. In Enkes Fall war es tödlich. Wer aus Angst schweigt und ungeheure Energie auf das Verbergen der eigenen Verzweiflung aufwendet, dem kann nicht geholfen werden. Seit Enkes Tod ist die Zahl der Suizide bei schweren Depressionen um das Sechsfache gestiegen – auf rund 600 Fälle pro Jahr. Darin spiegelt sich auch die Unbarmherzigkeit der modernen Arbeitswelt, die sich so gern frisch, flexibel und familienfreundlich gibt, in Wahrheit aber eine kühle Härte mit sich bringt, die viele überfordert.

Schwäche aber gehört zum Menschsein. Wir sind keine Maschinen.Das ist das Vermächtnis von Robert Enke. Depressionen sind behandelbar. Heilbar aber sind sie nur, wenn der Patient über sein Leid sprechen kann, ohne stigmatisiert zu werden.

Ohne Angst, vom Arbeitgeber kaltgestellt und vom Umfeld wie ein Aussätziger geächtet zu werden. Zehn Jahre nach Enkes Tod ist es höchste Zeit, offen darüber zu sprechen. Auf Zwischentöne zu hören, aufmerksam zu sein, Hilfe anzubieten. Denn das Aufbrechen von Tabus kann Leben retten. 

Hilfe für Betroffene

Wegen der hohen Nachahmerquote berichten wir über Suizide nur in ausgewählten Fällen. Wenn Sie sich selbst betroffen fühlen, können Sie sich an die Telefonseelsorge wenden. Unter der Hotline 0800/111 0 111 bzw. 0800/111 0 222 erhalten Sie Hilfe.

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