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Digitalisierung in der Schule ist eine Querschnittsaufgabe und nicht nur für das Fach Informatik interessant.

Digitalisierung in der Schule

Ende der Kreidezeit

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Die Digitalisierung in der Schule kann guten Unterricht nicht ersetzen. Aber muss man sie deshalb gleich als Gefahr für die Bildung ansehen? Der Leitartikel.

Man stelle sich nur mal vor, irgendein Experte würde plötzlich ausrufen: „Vorsicht! Wenn unsere Kinder mit dem Bus zur Schule fahren, verlernen sie das unfallfreie Gehen.“ Besorgte Lehrer, aber auch einige Eltern würden hinzufügen: „Gute Radfahrer werden sie dann auch nie sein.“ Und dann gäbe es andererseits Politiker, die warnen: „Wer jetzt nicht mit einem Schnellbus – oder noch besser mit einem Flugtaxi – zur Schule kommt, der wird sein Leben lang von gestern sein.“

Auf einem vergleichbar jämmerlichen Niveau befindet sich leider oft die Debatte darüber, ob und wie sich das Lernen in der Schule durch den Einsatz digitaler Hilfsmittel verändert.

Da ist endlich klar, dass die große Koalition im Bund den Digitalpakt mit den Ländern möglichst schnell in die Spur setzen möchte. Fünf Milliarden Euro sollen in den kommenden fünf Jahren unter anderem in die Vernetzung und in schnelles WLAN in den Schulen fließen. Das ist überfällig, Deutschland steht im internationalen Vergleich schwach da. Zugleich aber fehlt es an einer klaren Idee, wie sinnvolles digitales Lernen eigentlich aussehen soll.

Tablet oder Tafel?

Schlimmer noch, das politische und gesellschaftliche Selbstgespräch über diese Frage verläuft meist phrasenhaft und unstrukturiert. Es schwankt zwischen Euphorie und Hysterie.

Wer als Politiker modern wirken will, erweckt gern den Eindruck, Mädchen und Jungen sollten das Programmieren möglichst noch vor dem Lesen erlernen. Andererseits finden sich auch immer wieder Menschen wie der Psychiater und Hochschullehrer Manfred Spitzer, die warnen, Kinder dürften nicht nur noch über das Tablet wischen. „Wir ziehen uns eine Generation von Behinderten heran, ich sage es mal drastisch“, meint er. Was für eine alberne Behauptung!

Wie wäre es mit Nüchternheit, Praxisorientierung und Wirklichkeitsnähe? Die Digitalisierung ist Teil des Lebens, nicht das ganze Leben. Sie gehört also in die Schule, ohne dass alle Kinder deshalb gleich einen Balkencode ans Kinn bekämen.

Das Tablet wird die Tafel nicht unbedingt vollständig ersetzen, aber es kann sie ergänzen. Unterricht ist nichts Statisches. Er muss immer wieder an eine sich verändernde Welt angepasst werden. Dort, wo neu erprobte Ideen im Klassenzimmer nicht funktionieren, kann man sie auch wieder verwerfen. Oder, noch besser: weiterentwickeln.

Die große Sorge von Kritikern des digitalen Lernens in der Schule ist, dass bestimmte Fertigkeiten und auch ein Mindestmaß an Wissen gar nicht mehr erlernt werden, wenn im Klassenraum alles via Internet leicht verfügbar ist. Zugegeben, darin liegt eine Gefahr. Aber es ist die Sache von klugen Lehrplänen sicherzustellen, wann welche Grundlagen erlernt werden – und wann, zusätzlich dazu, eingeübt wird, wie man frei verfügbares Wissen zusammenstellt und kreativ kombiniert.

Auch der Taschenrechner bereicherte den Mathe-Unterricht

Nach der Logik der Digitalisierungsskeptiker hätte jedenfalls schon der Taschenrechner nie an Schulen zugelassen werden dürfen. Dabei macht seine Hilfe es Schülern ja gerade erst möglich, sich intellektuell besonders komplexen Aufgaben zu stellen. Viele von ihnen dürften sich wünschen, sie kämen mit ein bisschen Kopfrechnen durch das Abitur. So einfach machen wir es ihnen aber aus gutem Grund nicht.

Die Arbeitswelt von heute, aber erst recht die von morgen belohnt niemanden mehr allein für das, was er weiß. „Es geht nicht darum, dass Kinder Fakten über Bismarck oder Algebraformeln auswendig können, sondern dass sie lernen, wie Historiker und Mathematiker zu denken“, sagt der Chef der Pisa-Studie, Andreas Schleicher. Genau so ist es.

Der Einzug der digitalen Welt in den Unterricht findet in Deutschland verspätet statt, aber er bietet Chancen. Das größte Manko in den Schulen ist, dass es oft noch immer an individueller Förderung mangelt. Gerade der Einsatz von Lernsoftware, die sich an den Fortschritt des einzelnen Schülers anpasst, kann hier eine Hilfe sein. Was selbstverständlich eine gute Betreuung durch den Lehrer nicht ersetzt.

Experten und Politiker müssen jetzt intensiv darüber nachdenken, wie mit den anfallenden Daten umgegangen werden kann. Denn einerseits können sie eine gute Grundlage liefern, damit der Lehrer jede und jeden Einzelnen besser fördern kann. Andererseits darf der Datenschutz nicht hinten herunterfallen. Der gläserne Schüler: Das ist eine gruselige Vorstellung, die nicht Wirklichkeit werden darf.

Die fünf Milliarden Euro, die der Bund jetzt zur Verfügung stellt, um die Schulen aus der Kreidezeit zu holen, können nur ein Anfang sein. Eine entscheidende Frage ist, ob und wie die Länder sich an ihren Teil der Abmachung halten. Sie müssen nicht nur tragfähige pädagogische Konzepte entwickeln, sondern auch die Lehrer dafür aus- und fortbilden. Dreh- und Angelpunkt einer erfolgreichen Schule ist der Unterricht. Der Wandel lässt sich am besten mit den Menschen organisieren, nicht gegen sie. Deutsche Bildungspolitiker vergessen das gern schon mal. Das darf diesmal nicht passieren.

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