Kolumne

Ende der Durchsage

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Ein Leben ohne Worte? Ja, das gibt es. Nicht nur bei Tante Anneliese, die erst nach ihrem 100. Geburtstag ganz verstummte.

Anneliese hat das Sprechen eingestellt. Bis vor einigen Wochen war es zumindest noch möglich, ihr Fragen zu stellen, auf die sie mühsam, aber verlässlich zu antworten geneigt war. Einfache Dinge. „Möchtest du an die Luft?“ oder: „Ist dir kalt?“ Meist kam darauf nicht mehr als ein „Ja“ oder „Lieber nicht“. Hin und wieder kam es vor, dass sie einen ganzen Satz begann, dann aber einsehen musste, dass sie ihn nicht zu Ende bringen würde.

Es schien, als gingen ihr die Worte noch während des Sprechens verloren. Auf ihren 100. Geburtstag hatte sie sich noch gefreut, und sei es aus dem puren Ehrgeiz heraus, dieses stolze Lebensalter unbedingt erreichen zu wollen. Nun aber ist Ende der Durchsage. Keine letzten Worte mehr, Anneliese ist einfach so verstummt.

An meine Tante Anneliese musste ich denken, als ich vor ein paar Tagen die Meldung las, dass sich der SPD-Fraktionsvize Karl Lauterbach dafür ausgesprochen hat, bei der Bundesregierung das Amt eines Einsamkeitsbeauftragten einzurichten. Er reagierte damit auf eine wissenschaftliche Studie, in der herausgefunden worden war, dass das soziale Phänomen Einsamkeit der Auslöser für schwere psychische Leiden sein kann.

Depression, Angstzustände etc.: Für Menschen, die allein leben, ist das Risiko für derlei Krankheitsbilder besonders groß. Es ist keine Seltenheit, dass Alleinlebende oft tagelang mit niemandem sprechen. Wenn sie es dann doch tun, erschrecken sie oft in dem Moment, in dem sie ihre eigene Stimme vernehmen.

Im Verlauf einer Studie des Londoner Anthropologen Daniel Miller, die 2010 unter dem Titel „Der Trost der Dinge“ im Suhrkamp-Verlag erschien, traf der Autor auf George. Was diesen von allen anderen unterschied, die er für sein Projekt befragte, war die radikale Leere von dessen Wohnung. „Ich konnte mich jedenfalls nicht erinnern“, schreibt Miller, „je zuvor in einer Wohnung gewesen zu sein, die nicht den geringsten Schmuck enthielt. Eine derartige Leere hat etwas Gewaltsames. Nichts erwidert den suchenden Blick, nichts weckt Aufmerksamkeit oder Interesse. “

Die Hoffnung aber, dass George wenigstens im Gespräch seine Umgebung mit Leben füllen würde, wurde enttäuscht. „Von dem Moment an, in dem George das Wort ergriff, war klar, dass es einen solchen Ausgleich nicht geben würde, weil George genau so war wie seine Wohnung.“

Daniel Miller hat seine Studie, für die er 15 Menschen in London porträtiert hat, nicht zuletzt deshalb durchgeführt, um sich von den geläufigen Typisierungen zu lösen. „Keiner von ihnen sollte ‚die Männer‘, ‚die Asiaten‘ oder ‚die Arbeiter‘ repräsentieren. (…) Wir wollten uns mit den Menschen auseinandersetzen, die uns über den Weg laufen würden, und sie so nehmen, wie sie sich gaben.“ Nur so war es wohl möglich, über soziologische Kategorien wie Status, Neid, Diskriminierung und Privilegierung hinauszugelangen. Und in George war Daniel Miller auf verblüffende Weise dem Phänomen der Einsamkeit in der modernen Welt begegnet.

Schwer zu sagen, ob Anneliese unglücklich ist. Ihren baldigen Tod wünscht sie sich schon lange. Ihn selbst herbeizuführen, ist ihr nicht mehr möglich. Und es verbietet sich ihr aufgrund ihres bald 100 Jahre gelebten Glaubens wohl auch.

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