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Leitartikel

Ende des Tunnelblicks

  • vonMatthias Koch
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Die Deutschen kommen nur aus der Corona-Krise, wenn die EU insgesamt herausfindet. Alles andere ist eine Illusion. Der Leitartikel.

Stress verändert die Menschen. Puls und Blutdruck steigen, wir atmen schneller, die Pupillen werden eng. Auch das Gehirn arbeitet anders. Es greift auf urzeitliche Betriebssysteme zurück. Die schnelle, einfache Lösung wird gesucht, alles Komplexe ist unwillkommen. Psychologinnen und Psychologen verknüpfen Stress seit Langem mit „Schwarz-Weiß-Denken“ und „Tunnelblick“. Mit anderen Worten: Auch das Denken wird eng.

Für die Demokratie ist das alles nicht gut. In der Corona-Krise aber ist diese problematische Engstellung zum neuen deutschen Massenphänomen geworden. Das aufrichtige Ringen um den besten Weg, Kernbestandteil des demokratischen Systems, geht vielen nur noch auf die Nerven. „Wenn ich diesen Lauterbach schon sehe“, stöhnen die einen. „Sterben mit Streeck“ wolle man nicht, eifern die anderen. Und beiden Seiten schwillt der Kamm.

Wer als Politikerin und Politiker noch differenzieren oder gar integrieren will, hat es schwer. Die Lager streben heillos auseinander, vereint nur noch in ihrer Aufgeregtheit. Morddrohungen künden vom erschreckend weit fortgeschrittenen Stadium eines Schwarz-Weiß-Denkens, in dem das zuvor nur Primitive schon übergeht ins Gefährliche.

In dieser Szenerie hat es jetzt keine Institution so schwer wie die EU. Warum, schäumen viele mit düsterem Blick, setzt Deutschland nicht knallhart auf eine nationale Impfstrategie wie Israel? Wären wir dann nicht schon viel weiter?

Theoretisch ja. Praktisch aber gibt es große Unterschiede zwischen einem strikt abgeriegelten Neun-Millionen-Staat im Nahen Osten und einem rundum offenen, mit neun Nachbarländern eng vernetzten 80-Millionen-Staat mitten in Europa. Auch wenn es eine Weile dauert und etwas komplizierter ist: Die Deutschen kommen nur raus aus dieser Krise, wenn die EU insgesamt herausfindet. Alles andere ist eine Illusion.

Die Europäische Union ist den Weg des Zusammenhalts gegangen, und das ist gut so. Was wäre geschehen, wenn Deutschland ein nationales Exportverbot für Covid 19-Impfstoffe verfügt hätte, wie es die USA etwa den Kanadiern zumuten? Und was wäre geschehen, wenn die hiesige Politik nach dem Vorbild Israels die Überstellung kompletter Patientendateien an den Pharmakonzern Pfizer zugesagt hätten?

Beide Vorgehensweisen erscheinen bei genauerem Hinsehen für Deutschland und Europa völlig indiskutabel. Die in Berlin regierende schwarz-rote Koalition sollte lieber diese beiden Aspekte betonen, statt augenrollend auf die Brüsseler Bürokratie zu verweisen.

Ja, an der einen oder anderen Abzweigung hätte Brüssel mehr Tempo bewirken können. Vor allem die drohenden Probleme durch Produktionsengpässe wurden unterschätzt. Entscheidend aber ist: Die EU hat in einer historisch und auch im aktuellen globalen Vergleich beispiellosen Anstrengung ihren 440 Millionen Einwohnern 2,6 Milliarden Impfdosen gesichert. Deren Produktion ist jetzt der Flaschenhals. Aber Europa holt auf. Hinter den USA mit rund 20 Millionen vollständig Geschützten liegt die EU mit zehn Millionen auf Platz zwei weltweit.

Allerdings gibt es in de EU noch immer viele Probleme bei Verabreichung des Impfstoffs in den Einzelstaaten. In Deutschland etwa wurden zwei Wochen nach der Lieferung von 1,45 Millionen Dosen Astrazeneca nur 270 986 Dosen verimpft. Der EU wird man diese Seltsamkeit schlecht anlasten können.

Ausgerechnet das ungeliebte Brüssel schickt jetzt sogar einen Sonnenstrahl der Hoffnung über den gequälten Kontinent – in Gestalt des digitalen EU-Impfpasses. Der freilich nützt wenig, wenn es auch im Sommer noch an Impfstoff fehlen sollte. Kommt aber bis dahin die erwartete Impfstoffschwemme, und können die Europäerinnen und Europäer endlich wieder reisen, werden viele durchatmen – und ihren eigenen Kontinent mit neuen Augen sehen. Wenn der Stress nachlässt, endet auch der Tunnelblick.

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