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Demonstranten beim March for Truth im Juni 2017 in New York City.

Gastbeitrag

Nur Emotionen können Amerika vereinen

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Trump und seine Anhänger sind zu stoppen - aber nur dann, wenn ihre Gegner drängende Fragen politisch und emotional beantworten. Ein Gastbeitrag.

Da ich in Amerika politisch links erzogen wurde, fällt es mir – wie vielen anderen ähnlich Denkenden auch – nach wie vor schwer, die fortwährende Loyalität von Trumps Wählern zu begreifen. Ich meine nicht Milliardäre wie die Koch-Brüder oder andere, die durch die gerade verabschiedeten Steuersenkungen für Firmen und Topverdiener und den rigorosen Abbau jeglicher Umweltschutzregulierungen weiterhin von der jetzigen Präsidentschaft profitieren.

Ich meine den Jedermann, der sich bekanntlich von der Demokratischen Partei seit Jahrzehnten in seiner langsamen Verarmung übersehen fühlt, und die Jederfrau, die trotz Trumps endloser Reihe von Fehltritten – mit seiner Jerusalem-Entscheidung gerade einen Aufstand im Nahen Osten heraufbeschwörend – sich dem Mann verbunden fühlen. Dieser Durchschnittsbürger, der gerade an den Steuersenkungen für Reiche nur zu verlieren hat.

Doch viele von ihnen unterstützen Trump auch gut ein Jahr nach seiner Wahl, trotz oder wegen der Kritik an seiner Politik. Das ist das Ergebnis einer Umfrage der Webseite Bloomberg Politics, die monatlich die Meinungen „Middle America“-Wähler zu Trumps Performance abfragt.

Einer von ihnen ist der 54-jährige Fernfahrer Geno DiFabio aus Ohio, der über Trump-Kritiker sagt: „Glaub‘ mir, sie bringen nur die Leute zusammen, die ihn gewählt haben. Manchmal sagt er blödes Zeug, aber er ist immer noch der Einzige, der etwas für uns tun wird, der wirklich für uns kämpft.“

Trump weiß die irrationale Loyalität seiner Wähler zu schätzen

Trump weiß diese irrationale Loyalität zu schätzen. Der Widerstand gegen ihn und seine Fehltritte zeigt seinen Anhängern, dass er für den kleinen Mann kämpft. Trump antwortet mit Worten des Affekts auf die Zuneigung seiner Unterstützer und nicht mit Worten der Vernunft.

Im August widersprach Trump der Kritik, er habe mit seinen Bemerkungen zur tödlichen Attacke auf Gegendemonstranten bei einer Demo für weiße Suprematisten in Charlottesville im US-Bundesstaat Virginia den Glauben an eine Vorherrschaft der Weißen unterstützt. Wenig später meinte er bei einer Kundgebung in Phoenix im Bundesstaat Arizona, die Leute aus dem „Sun Belt“ (Region zwischen Florida und Südkalifornien) und dem „Rust Belt“ (frühere Industrieregion der USA) würden ihn viel besser als die in Washington DC verstehen. Denn „unsere Bewegung ist eine Bewegung, die auf Liebe aufgebaut ist. Es ist eine Liebe für Mitbürger, eine Liebe für Amerikaner, die die sich abrackern und zurückgelassen wurden“.

Mit Worten wie „love“ – so ungewohnt sie in unserem deutschen politischen Kontext klingen mögen – versteht Trump es meisterhaft, eine Wir-gegen-die-anderen-Mentalität zu befeuern. Mit einer ähnlich stark betonten Emotionalität gestaltet er das Zuruf-Antwort-Schema in seinen Reden, bei denen seine Zuhörer seine Appelle an sie leidenschaftlich beantworten mit geschrienen Phrasen wie: „Build the wall“ und über Clinton während des Wahlkampfes: „lock her up“ (schmeiß sie in den Knast).

Zwei Amerikas, zwei Ziele

Nun gibt es nach knapp einem Jahr von Trumps Amtszeit jedoch auch ein anderes Amerika, in dem die Politik nicht weniger leidenschaftlich stattfindet, aber mit einer gänzlich anderen Intention, als eine Mauer zwischen „uns“ und den Mexikanern zu bauen oder die Wahlgegnerin ins Gefängnis zu bringen.

Ein Beispiel dafür ist der Sieg von Manka Dhingra in der Nachwahl für einen Senatssitz im Bundesstaat Washington im November. Die Abgeordnete und Staatsanwältin Dhingra ist 43 Jahre alt, Mutter zweier Kinder. Sie kam in Indien auf die Welt. Sie baute ein Gericht für Menschen mit psychischen Gesundheitsproblemen auf, damit diese nicht wie andere Gesetzesbrecher behandelt und schneller wieder in die Gesellschaft eingegliedert werden können. Sie arbeitet auch als Anwältin gegen häusliche Gewalt und möchte in Krisenfällen Schulen finanziell zu Hilfe kommen können.

Nach Trumps Wahl ging sie in die Politik, weil wir „nun für unsere Rechte und Werte geradestehen“ müssen. Dhingras Politik ist eine Politik der Integration und doch für amerikanische Verhältnisse auch eine des Verteilens.

Ihre Werte sind die der Gemeinschaft und des Mitgefühls, so steht es auf ihrer Webseite. Dieses Mitgefühl muss nun Trumps loyalen Wählerinnen und Wählern vermittelt werden. Sie müssten es mit einer ähnlichen affektiven Intensität erfahren, wie Trump sie seine „love“ spüren lässt. Dies ist die Aufgabe der Zukunft sowohl für die demokratische Partei wie auch für alle progressiv Denkenden. Nur so sind die zwei noch nie so stark polarisierten Amerikas zusammenzubringen. Mit Gefühl.

Greta Olson ist Professorin für englische und amerikanische Literatur- und Kulturwissenschaft an der Justus-Liebig-Universität Gießen.

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