Gastbeitrag

Das Elektroauto braucht ein Tempolimit

Autonomes Fahren und E-Mobilität sind nur dann sinnvoll und sicher, wenn es eine Höchstgeschwindigkeit auf deutschen Autobahnen gibt.

Elektromobilität sowie autonomes und vernetztes Fahren sind die aktuellen Megathemen in der Automobilindustrie. Geht es nach dem Willen der Bundesregierung, soll Deutschland in beiden Bereichen „Leitmarkt“ werden und international eine Vorreiterrolle einnehmen. Die gleiche Bundesregierung aber lehnt bisher ein Tempolimit auf Autobahnen kategorisch ab. Das ist interessant, denn: Sowohl Elektroautos als auch autonome Fahrzeuge sind nicht auf Fahrtgeschwindigkeiten von über 130 Kilometern pro Stunde ausgelegt – alles was schneller ist, ist für autonome Fahrzeuge zu unsicher und senkt bei E-Autos die Reichweite drastisch. Das weiß die Automobilindustrie und das weiß auch die Bundesregierung.

Aktuell arbeiten Autohersteller mit Hochdruck an Assistenzsystemen zum fahrerlosen Fahren und wollen diese so schnell wie möglich vermarkten. Aktuell wird das autonome Autofahren auf der A9 zwischen Nürnberg und München unter Realbedingungen getestet. Bereits in drei Jahren soll die Übergabe an den digitalen Piloten auf der Autobahn Realität werden. Spätestens hier kommt die Geschwindigkeit ins Spiel. Denn bei hohen Geschwindigkeitsunterschieden auf Autobahnen stößt die Sensorik schlicht an ihre Grenzen. Diese müsste beispielsweise bei einem Überholvorgang in der Lage sein, ein extrem schnell von hinten auf der Überholspur heranbrausendes Fahrzeug zu erfassen. Dazu müssten die Sensoren mehrere Hundert Meter weit sehen können.

Wenn das System aber nicht völlig sicher sein kann, dass kein sehr schnelles Fahrzeug von hinten kommt, wird es das Auto eher abbremsen, statt weiter zu überholen. Das räumen auch die Entwicklungschefs deutscher Autohersteller ein. Daher werden die Systeme auf eine defensive Fahrweise programmiert. Zwar redet niemand über das Maximaltempo, doch ist davon auszugehen, dass bei einer Geschwindigkeit von 130 Kilometern pro Stunde Schluss ist. Ein Strategiepapier des Bundesverkehrsministeriums aus dem Jahr 2015 sieht für das hochautomatisierte Fahren auf Autobahnen eine zulässige Höchstgeschwindigkeit von 130 km/h vor.

Auch den Durchbruch der E-Mobilität wird es ohne ein Tempolimit auf Autobahnen nicht

geben. Für die Attraktivität von Elektroautos ist die Reichweite der Fahrzeuge von zentraler Bedeutung – und die wird durch ein Tempolimit auf Autobahnen erhöht. Denn: Je schneller ein batteriebetriebenes Auto über die Autobahn brettert, desto schneller ist der Akku leer. So kommt beispielsweise der Renault Zoe, Deutschlands meistverkauftes Elektroauto, laut dem Internetportal efahrer.com bei Tempo 100 auf eine Reichweite von 252 Kilometern. Bei Tempo 130 muss bereits nach 180 Kilometern eine Ladepause eingelegt werden.

Beim BMW i3 sinkt die Reichweite beim genannten Geschwindigkeitsunterschied von 217 auf 148 Kilometer. Bei mehr als 130 Stundenkilometern steigt der Energieverbrauch eines Stromers so stark an, dass das Rasen für alle Autofahrer bei gesundem Menschenverstand jeglichen Sinn verliert. Denn jeder zusätzliche Ladestopp verkehrt den möglichen Zeitvorteil ins Gegenteil. Aus diesem Grund sind viele Elektroautos schon von Haus aus tempobegrenzt. Beim elektrischen VW Golf liegt die Höchstgeschwindigkeit bei 150 Kilometer pro Stunde, beim erwähnten Renault Zoe bei Tempo 135.

Damit Elektrofahrzeuge wirklich einen Beitrag zum Klima- und Ressourcenschutz leisten – und damit den eigentlichen Sinn und Zweck ihrer Einführung erfüllen können –, müssen auch sie so effizient wie möglich sein und so wenig Energie wie möglich verbrauchen. Auch hierfür legt ein Tempolimit auf Autobahnen den Grundstein: Denn wenn das E-Auto nicht auf Höchstgeschwindigkeit ausgelegt ist, reichen auch kleinere Batterien. Je größer der Akku, desto mehr Energie und Ressourcen werden für die Herstellung benötigt, gleichzeitig steigen Fahrzeuggewicht und Energieverbrauch. Ein Tempolimit macht kleinere Akkus möglich – das Klima, Ressourcen und der Geldbeutel werden geschont.

Es ist makaber: Gut hundert Menschenleben könnten pro Jahr durch eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf Autobahnen gerettet und mindestens 5000 Verletzte vermieden werden. Zusätzlich spart ein Tempolimit von 120 km/h auf Autobahnen rund drei Millionen Tonnen CO2 ein.

Aber diese Argumente reichen der Bundesregierung nicht, um endlich tätig zu werden und ein Tempolimit einzuführen. Wenn sie aber ihre Vorreiterrolle in puncto E-Mobilität und autonomes Fahren wirklich übernehmen will, wird sie auf kurz oder lang nicht um neue Höchstgeschwindigkeiten herumkommen.

Michael Müller-Görnert ist Sprecher für Klimaschutz und Luftreinhaltung beim VCD und Vorstandsmitglied bei Transport&Environment (T&E), dem Dachverband europäischer Umwelt- und Verkehrsverbände.

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