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Wenn der Strom aus der Ladesäule nicht aus regenerativen Quellen kommt, dann nutzt die E-Mobilität dem Klima rein gar nichts.

Elektroautos

Elektrisch fahren und der Umwelt schaden

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Die E-Mobilität bringt viele Vorteile. Aber dem Klima hilft sie nicht, wenn der Strombedarf nicht aus regenerativen Quellen gedeckt wird. Der Gastbeitrag.

Die EU hat sich kurz vor Weihnachten auf strenge Vorgaben für den Kohlendioxidausstoß von Neuwagen geeinigt. Die Fahrzeughersteller müssen die CO2-Emissionen ihrer Flotten bis 2030 um 37,5 Prozent gegenüber dem Jahr 2021 reduzieren.

Nachdem es schon so gut wie sicher ist, dass die deutschen Hersteller den für 2021 geltenden Flottenverbrauchswert von 95 Gramm CO2 pro Kilometer nicht erreichen werden, wurde nun der Zielwert für 2030 auf 59 Gramm abgesenkt. Zum Vergleich: Ende 2018 lag der durchschnittliche Emissionswert aller Neuzulassungen in Deutschland bei 131 Gramm – rund drei Gramm höher als im Jahr davor!

Für die meisten Autofahrer und Bürger ist der ab 2030 geltende Grenzwert von 59 Gramm CO2 pro Kilometer ein sehr abstrakter Wert. Etwas Klarheit schafft hier eine Umrechnung des Emissionswertes in den Treibstoffverbrauch, der dann nur noch 2,6 Liter Benzin oder 2,3 Liter Diesel auf eine Fahrstrecke von 100 Kilometern betragen darf.

Mit reinen Verbrennungsmotoren sind solche Verbräuche nicht zu schaffen – insbesondere dann nicht, wenn der derzeitige Trend weiter anhält und die Fahrzeuge noch größer und schwerer und zudem noch stärker motorisiert werden. Die angestrebten Flottenverbrauchswerte lassen sich nur erzielen, wenn mindestens 40 bis 50 Prozent der Neuzulassungen Plug-in-Hybride und Elektroautos sind, die bei der Flottenverbrauchsregelung mit „null Emissionen“ in die Durchschnittsberechnung eingehen.

Plug-in-Hybride sind nicht nur mit einem konventionellen Antriebsstrang, also einem Benzin- oder Dieselmotor, ausgestattet, sondern haben darüber hinaus auch einen Elektromotor und eine Batterie an Bord, die an der Steckdose aufgeladen werden kann. Diese Plug-in-Hybride zählen unter bestimmten Voraussetzungen als Fahrzeuge, die keine CO2-Emissionen verursachen. Tatsächlich verbrauchen sie jedoch außerhalb der Städte nicht weniger Benzin oder Diesel, da sie rund eine halbe Tonne schwerer sind als konventionelle Fahrzeuge.

Aber auch reine Elektrofahrzeuge fahren nicht ohne Energie. Berechnungen der Firma Ö-quadrat haben ergeben, dass der Strombedarf der deutschen Elektroflotte bis 2030 auf etwa 28 Terawattstunden ansteigen müsste, damit die Flottenverbrauchsziele tatsächlich erreicht werden können. Dies entspricht fast der Hälfte des derzeit aus Solaranlagen gewonnenen Stroms.

Da sowohl reine Elektrofahrzeuge als auch Plug-in-Hybride als Nullemissionsfahrzeuge in die Bilanz eingehen, senken sie rechnerisch den durchschnittlichen Flottenverbrauchswert und reduzieren damit den Druck auf die Hersteller, den Verbrauch der fossilen Fahrzeugflotte zu senken.

Um das Klima tatsächlich zu entlasten und die CO2-Emissionen im Verkehr effektiv zu senken, müssen zwei politische Maßnahmen ergänzend zur Flottenverbrauchsregelung getroffen werden:

Erstens: Parallel zum Umstieg auf Elektrofahrzeuge hat ein Ausbau der regenerativen Energiequellen zu erfolgen. Die zusätzliche Stromnachfrage, die durch Elektrofahrzeuge entsteht, darf nicht durch konventionelle Kraftwerke, sondern muss durch zusätzliche regenerative Energiequellen abgedeckt werden. Ist dies nicht der Fall, so wird die zusätzliche Stromnachfrage über Kohle- und Gaskraftwerke abgedeckt. Die Folge: Die CO2-Emissionen des Pkw-Verkehrs werden ansteigen anstatt zu sinken!

Die derzeit festgelegten Ausbaukorridore für erneuerbare Energien – die ohnehin den Zielen der Bundesregierung hinterherhinken – müssen also um den zu erwartenden zusätzlichen Stromverbrauch aus dem Verkehrssektor angepasst werden. Das bedeutet eine Erhöhung um etwa 30 Terawattstunden bis 2030.

Zweitens: Plug-in-Hybride dürfen nicht als Nullemissionsfahrzeuge gewertet werden. Ein Plug-in-Hybrid produziert während Fahrten außerhalb der Stadt genauso viel CO2 wie ein Fahrzeug mit rein konventionellem Antrieb. Zudem verursacht das Fahrzeug natürlich auch CO2-Emissionen an der Stromladesäule.

Werden diese beiden Maßnahmen nicht berücksichtigt, so mögen Klimaschützer und Regierungen zwar die verschärfte EU-Vorschrift als großen Erfolg für den Klimaschutz feiern – in Wirklichkeit findet er aber nur auf dem Papier statt. Die Klimaemissionen im Individualverkehr auf der Straße sind in den letzten 18 Jahren leicht angestiegen. Die beschlossene Flottenverbrauchsregelung wird vielleicht einen weiteren Anstieg verhindern, aber kaum einen Beitrag zur Senkung der Emissionen leisten.

Um das Klima zu stabilisieren, braucht es eine grundsätzliche Wende in der Verkehrspolitik, die neben der Verkehrsvermeidung den Umstieg auf andere Verkehrsmittel fördert und starke Anreize für ein anderes Mobilitätsverhalten bietet.

Dieter Seifried ist Geschäftsführer des Beratungsbüros „Ö-quadrat“.

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