Kolumne

Elektrifizierte Barbaren

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Haben wir Menschen in unserer Geschichte mehr erreicht, als nur die Keule durch den Panzer zu ersetzen? Die Kolumne.

Eine der Fragen der Moderne lautet: hat ein Fortschritt stattgefunden? Sie scheint zunächst unsinnig, schließlich hat die Menschheit seit dem Mittelalter einige Schritte in die Zukunft gemacht: sie hat die Waschmaschine und das Penicillin erfunden, Atome gespalten und den Mond betreten, das Klima verändert und es sich mit einer Tüte Chips vor dem Fernseher bequem gemacht. Nicht schlecht für eine Spezies, die noch vor ein paar Tausend Jahren mit Keulen um sich schlug, statt mit Panzern zu schießen.

Allerdings dienen Panzer und Keule dem gleichen Zweck: Sie lassen Ziele mit gewaltsamen Mitteln erreichen, wobei der Panzer effektiver ist als die Keule. Pessimisten behaupten daher, dass nicht nur kein Fortschritt stattgefunden habe, sondern eher ein Rückschritt.

Demnach sind wir immer noch wie die Neandertaler und haben nichts anderes im Kopf, als unser Territorium zu verteidigen, dem Nachbarn die Beute abzujagen und nachts den Mond anzuheulen. Wobei der Neandertaler wahrscheinlich sehr viel netter war als der Homo sapiens unserer Tage, weswegen ich mich in aller Form bei ihm und seinen Restgenen in uns entschuldige und zurück zum Thema Fortschritt komme.

Nach Ansicht von neutralen Beobachtern gab es nur einen technischen Fortschritt. Demnach sind wir elektrifizierte Barbaren, die zwar mit Smartphone, Internet und DNA-Sequenzierung prahlen können, sich im Falle des Falles aber auf die menschlichen Grundeigenschaften Neid, Gier und Habsucht konzentrieren würden. Hinzu käme noch eine ordentliche Portion Verblendung. Das ist natürlich eine sehr negative Sicht auf die Dinge, aber die Geschichte ist voll von Beispielen und jeden Tag kommen neue hinzu.

Im Mittelalter hat man zwar die Keule gegen die Armbrust eingetauscht, war sich aber nicht zu schade, der nahenden Pest mit ein paar außerordentlich hässlichen Pogromen zu begegnen. Noch bevor die Seuche deutsche Städte erreicht hatte, wurde geplündert und gemordet, weil man Schuldige brauchte und sich bereichern konnte.

Es war keine gute Zeit für Fremde, Andersgläubige und für Menschen, die man für Hexen hielt, vor allem aber nicht für Juden. Ihnen wurde nachgesagt, sie würden Brunnen vergiften und die Pest heraufbeschwören. Das war Unsinn, änderte aber nichts an den Massakern.

Heute runzeln wir die Stirn darüber und wähnen uns auf der sicheren Seite. Außerdem haben wir ja die Wissenschaft und sind aufgeklärt. Aber die Wissenschaft hat auch Atombomben erfunden und Giftgase. Es gab Ärzte, die glaubten im letzten Jahrhundert, man können am Gesicht eines Menschen ablesen, ob er kriminell ist. Andere meinten, die deutsche Rasse sei dafür bestimmt, die Welt zu beherrschen. Auch das war Unfug, hat aber trotzdem ernste Konsequenzen gehabt.

Aberglaube ist keine Frage des Zeitalters, lernen wir daraus, sondern eine Frage der geistigen Verfassung. In der Gegenwart äußert sie sich in Form der Verschwörungstheorie. Ernste Zeichen sind erkennbar, wenn jemand von ominösen Kräften redet, die die Weltherrschaft anstreben, in geheimen Laboren – die vergifteten Brunnen unserer Tage – tödliche Viren züchten, um schließlich die Weltherrschaft mittels der WHO, des Internationalen Währungsfonds oder der EU zu erringen.

Sollten dann noch Bösewichter wie Bill Gates oder George Soros hinzukommen, ist es an der Zeit, eine kalte Dusche zu nehmen oder den Therapeuten aufzusuchen. Man kann natürlich auch den Mond anheulen. Der Fortschritt steht noch aus, aber die Hoffnung stirbt zuletzt.

Volker Heise ist Filmemacher.

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