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Eklatantes Systemversagen

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Von: Joachim Frank

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Die katholische Kirche sieht sich massiver Kritik ausgesetzt.
Die katholische Kirche sieht sich massiver Kritik ausgesetzt. © AFP

Die katholische Kirche fürchtet wieder einmal sehr wohl die Wahrheit – und gibt im Zweifel dem Selbstschutz den Vorrang vor Selbstkritik und Transparenz.

Die katholische Kirche fürchtet wieder einmal sehr wohl die Wahrheit – und gibt im Zweifel dem Selbstschutz den Vorrang vor Selbstkritik und Transparenz.

Die Kirche fürchtet gewiss nicht die Wahrheit. Diesen Satz formulierte Johannes Paul II. im Jahr 1999, vor dem Missbrauchsskandal und mit Blick auf die Öffnung der vatikanischen Archive für die Historiker. Er versah sein beherzt-trotziges Bekenntnis zur Quellenforschung denn auch mit einem wichtigen Nebensatz: keine Furcht vor der Wahrheit, fuhr der Papst fort, „die aus der Geschichte kommt“. Was aber, wenn die unangenehmen Wahrheiten an die Gegenwart heranreichen und Funktionäre betreffen, die bis heute in Ämtern und Würden sind? Gilt dann weiter die Schotten-dicht-Doktrin? Verdrängen, leugnen und beschwichtigen Bischöfe dann weiter so, wie Johannes Paul II. höchst persönlich es tat, als Missbrauchsvorwürfe gegen den Gründer der „Legionäre Christi“ laut wurden, einer vom Papst stark geförderten Ordensgemeinschaft?

Genau diesen Verdachtsreflex bedient jetzt das Zerwürfnis zwischen den katholischen deutschen Bischöfen und dem Kriminologen Christian Pfeiffer über ein Forschungsprojekt zu sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche. Kein noch so vehementes Pochen auf Konstruktionsfehler im Vertrag zwischen Pfeiffers Institut und der Kirche wird daran etwas ändern können, kein Verweis auf Probleme mit Datenschutz und kirchlichen Archivierungsprinzipien und auch keine Debatte über legitime Formen des Einflusses, den der Auftraggeber einer wissenschaftlichen Studie auf Formen der späteren Veröffentlichung nehmen kann.

Katholische Kirche in der Falle

Die katholische Kirche ist wieder einmal in der Falle, in die sie seit Beginn des Missbrauchsskandals immer wieder geraten ist: Sie erscheint als Institution, die sehr wohl die Wahrheit fürchtet und die im Zweifel dem Selbstschutz Vorrang gibt vor Selbstkritik und Transparenz. Insofern ist die Trennung von Pfeiffer tatsächlich ein Desaster, ein „verheerendes Signal“, was den Willen der Bischöfe zur Aufklärung des Missbrauchsskandals angeht.

Ein Signal sollte schließlich schon der Auftrag an Pfeiffer sein, die Personalakten der Bistümer möglichst umfassend nach Hinweisen auf – womöglich bislang unentdeckte – Fälle sexuellen Missbrauchs zu durchforsten. Auf dem Höhepunkt der Empörung in der nicht-kirchlichen Öffentlichkeit wie in den Kirchengemeinden selbst wollten die Bischöfe ihre Bereitschaft zeigen, aus Fehlern der Vergangenheit zu lernen und Konsequenzen zu ziehen. Aber schon mit der Wahl Pfeiffers verband sich bei dem einen oder anderen die leise Hoffnung auf Entlastung von „unverdächtiger Seite“. Pfeiffer war nämlich in der Debatte über den Missbrauchsskandal wiederholt mit Thesen hervorgetreten, wonach die katholische Kirche keineswegs ein besonders missbrauchsanfälliges Biotop sei – und der Klerus keine außergewöhnlich gefährliche Risikogruppe. Das war Balsam für wunde Episkopen-Seelen.

Allerdings – jeder, der Pfeiffer kennt, weiß, was die Bischöfe auch hätten wissen können: dass sie sich auf einen prätentiösen, zu Zuspitzung und Polarisierung neigenden Artisten im Wissenschaftszirkus einlassen würden, dem im Zweifel mehr an der eigenen Reputation gelegen sein würde als am Befinden seiner Auftraggeber und den Empfindlichkeiten des Sujets. Es ist bezeichnend, dass bei Pfeiffer im Streit über das Design seiner Studie nicht das geringste Unbehagen erkennbar ist beim Gedanken, potenzielle Missbrauchsopfer ohne Schutzvorkehrungen mit der „Aktenlage“ konfrontieren zu wollen.

Einige halten Skandal für "übertrieben"

Solche Überlegungen freilich gehen am Ende weniger zu Pfeiffers Lasten, als dass erneut die strukturellen Mängel der Kirche im Umgang mit dem Missbrauchsskandal hervortreten, für die der Begriff „Systemversagen“ umso angebrachter erscheint, je vehementer ihn die kirchlichen Verantwortlichen bestreiten und wegdiskutieren wollen. In der Bischofskonferenz gab es schon früh das Lager derer, die die Aufregung über den Missbrauchsskandal für übertrieben und ideologisch motiviert hielten. Allerorten und speziell in den Medien witterten sie jene „sprungbereite Feindseligkeit“, die Papst Benedikt XVI. seinen Gegnern vorwarf. Diese Fraktion in der Kirchenführung nahm das Bemühen um schonungslose Aufklärung wahr als ein „Getriebensein“, dem sich die Kirche tapfer verweigern müsse, statt sich ihm opportunistisch zu ergeben.

Dass ein Antrieb auch von innen kommen kann, gerät damit aus dem Blick. Das Ergebnis ist jetzt zu besichtigen. Alles, was die Kirche unternommen hatte, um ihre Bereitschaft zu Reue, Umkehr und Neuanfang (alles elementar christliche Kategorien) zu dokumentieren, ist durch die Kontroverse über die Pfeiffer-Studie wiederum in Misskredit geraten. Von wegen, keine Furcht vor der Wahrheit.

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