Kolumne

Eiskaltes Leben in Gefahr

  • schließen

Das rapide Artensterben hat viele Namen. Was aber, wenn ein kaum bekannter Winzling im Eis zum Symbol für die Katastrophe wird?

Lebensraumzerstörung! Wer denkt da nicht gleich an die artenreichen Regenwälder, die in dramatischem Ausmaß und mit zunehmender Geschwindigkeit den Kettensägen zum Opfer fallen. Oder, um im eigenen Land zu bleiben, an die ökologisch so wertvollen Moore. Sie wurden entwässert, abgetorft, zu Ackerland umgepflügt. Moorfrosch und Sonnentau gingen und gehen mit ihnen dahin.

Immerhin erkennen wir inzwischen die Bedeutung der Moore auch für die Kohlenstoffspeicherung und den Wasserhaushalt des Bodens. Ihre Erhaltung und Wiederherstellung ist ein Topthema des Naturschutzes. Nicht zu vergessen die Binnengewässer und Meere, deren Verschmutzung die Gefährdung vieler dort lebender Tier- und Pflanzenarten mit sich bringt.

Da ist es Zeit, sich über ein Tier Gedanken zu machen, dessen Lebensraum wegen des Abschmelzens derzeit in aller Munde ist und über das doch niemand redet. Ein Winzling, kaum zwei Millimeter groß, mit einer faszinierenden Lebensweise dort, wo es sonst kein Tier und keine Pflanze aushält, nämlich auf Gletschern: der Gletscherfloh.

Er macht es einem nicht leicht, ihn beachtenswert oder gar sympathisch zu finden. Er heißt zwar Gletscherfloh, ist aber kein Floh, sondern gehört zu den Gliederspringschwänzen und damit in eine Tiergruppe der Insekten, die im Biologieunterricht noch nicht einmal eine untergeordnete Rolle spielt.

Er ernährt sich von Kryokonit. Auch dieser Begriff ist umgangssprachlich eher selten gebräuchlich. Es sind Ansammlungen von mineralischen und organischen Teilchen, die auf den Gletscher verweht werden. Dort ziehen sie aufgrund ihrer dunklen Färbung Wärme auf sich, es entstehen dadurch kleine wassergefüllte Schmelzlöcher im Eis, mit dem schönen Namen Kryokonitloch. Darin leben die Gletscherflöhe und ernähren sich von den angewehten Pollen, von Schneealgen und anderen organischen Stoffen.

Eine unglaubliche Leistung, möglich nur durch körpereigenes Frostschutzmittel, mit dem sie die Minustemperaturen überdauern können. Bei null Grad fühlen sie sich richtig wohl, ein Dutzend Striche darüber auf der Celsius-Skala bedeutet für sie den Tod. So ein eiskaltes Leben macht dem Gletscherfloh kein anderes Tier nach. Da müssten doch alle nördlichen Alpenanrainerstaaten froh sein, solch ein Lebewesen exklusiv zu ihrer Fauna zählen zu dürfen.

In der Tat begannen österreichische Urlaubsorte mit Gletscherflohmärschen in den Alpen, um das Tierchen wenigstens namentlich zu vermarkten. Aber ein Gletscherfloh taugt eben kaum als Wappentier für Schutzprojekte. Er ist kein plüschiger Panda und wird es nie werden.

Noch komplexer ist es, seinen Lebensraum zu schützen. Man kann derzeit bestürzt zusehen, wie die Gletscher wegen des Klimawandels abschmelzen. Und erahnen, dass es wohl schon zu spät ist, zu verhindern, dass unsere europäischen Gletscher den Bach hinuntergehen.

Der Schaden für die Menschheit wäre zwar überschaubar, wenn der Gletscherfloh deswegen ausstirbt. Das zu denken, ist aber der falsche Ansatz. Der Verlust seines Lebensraumes wäre die Katastrophe. Die Alpen ohne Gletscher – eine grauenhafte Vorstellung.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare