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Der kleine Eisbär im Berliner Tierpark soll Nachfolger des berühmten Knut werden.

Berliner Zoo

Eisbären gehören in die Freiheit

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Tiere lassen sich in Zoos nicht artgerecht halten. Wir tun es dennoch, weil wir die Widersprüche in Kauf nehmen. Die Kolumne.

Winterzeit, Eisbärzeit. In der „Sendung mit der Maus“ gibt es Geschichten von Lars, in den Spielwarenregalen werden Plüschvarianten verschiedener Hersteller platziert und in Berlin setzte am Freitag die Suche nach einem Namen für das Anfang November im Tierpark geborene Eisbärenjunge ein, als amtlich festgestellt wurde, dass es sich um ein Männchen handelt.

In einem Video, das Sie online auf der Seite dieser Zeitung sehen können, zerrt das schneeweiße Fellbündel täppisch an einem Fleischstück, während die Mutter Tonja mit beiläufigen, aber sehr effektiven Wischbewegungen ihrer breiten Tatzen herumliegende Apfelschnitze vollständig zusammen- und rückwärts in einen sich anschließenden Raum fegt. Auch den Brocken ihres Sohnes bekommt sie unter die Sohle und schiebt ihn samt Kind in wiegender Entschlossenheit dorthin, wo offenbar ein besserer Platz zum Fressen ist.

Dass sich in der Gefangenschaft hausfrauliche Eigenheiten entwickeln, wundert nicht. Wer sich seine Nahrung in einem Radius von 150 Kilometer zusammenjagen und bei minus 30 Grad stundenlang laufen kann, ist im Tierpark fraglos unterfordert. Ebenfalls im November starteten die Aktivisten von Peta eine E-Mail-Aktion an Landwirtschaftsminister Christian Schmidt, in der gefordert wird, Eisbärenhaltung in deutschen Zoos zu beenden, da eine solche niemals artgerecht sein kann.

Es ist ja nicht so, dass man es nicht wüsste. Etwa 30.000 frei lebende Polarbären soll es noch geben, denen zwar das Eis unter dem Hintern schmilzt, aber wenn sie dadurch nicht leichter gejagt werden könnten, wäre das nicht so schlimm. Sie könnten es da draußen schaffen, während in Gefangenschaft geborene Tiere nicht auszuwildern sind und die Zoohaltung nur dem menschlichen Entzücken dient, alle paar Jahre ein Tierkind zu sehen, das nicht anders aussieht als das eines Plüschtierherstellers, nur dass es sich bewegt.

Wir wissen ebenfalls, dass auch Affen nicht und eigentlich gar keine Tiere hinter Gitter gehören, dass Plastik die Meere erstickt und CO2 die Atmosphäre, dass alle Menschen gleich sind und Zucker krank macht. Und dennoch. In diesem Dennoch liegt die Sehnsucht unseres Daseins. Nach der Nähe zur Natur und ihrer Beherrschung, nach göttlicher Rundumversorgung, Unerschöpflichkeit der Ressourcen, Einzigartigkeit und der Süße des Getröstetseins.

Und also nehmen wir die Widersprüche in Kauf und den Eisbären und den Affen in die Pflicht. Sie, die noch näher am Paradies sind, sollen es hergeben, wir wollen es aus ihnen herausschütteln wie umgekehrt der Orang Utan King Louie im „Dschungelbuch“ aus Mowgli das Feuer.

Ich hätte auch einen Namensvorschlag und zwar „Kollaartsii“. Das ist Grönländisch und heißt „der Letzte“. Wenn Kolli der letzte Eisbär hinter Gittern wäre und das weltweit gesparte Zoo-Geld in den Polarbärschutz flösse, könnten wir alle Paten sein und die Livebilder von Eisbärbabys in Freiheit verfolgen, die uns Drohnen des WWF dann lieferten. Die Geschichte mit dem Bären namens „Knut“ indessen, was unter anderem „der Freie“ bedeutet, ging bekanntermaßen nicht gut aus.

Falls wir es mit der Sehnsucht also ernst meinen – der sicherste Weg, über etwas zu verfügen, ist doch, es anderen zu gewähren.

Petra Kohse ist Autorin.

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