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Eine Zeit geht zu Ende

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Texte von Lessie Sachs aus den 1930er Jahren sind verstörend aktuell.

Kaum jemand kennt Lessie Sachs. Jürgen Krämer und Christiana Puschak möchten das ändern. Sie haben eine Sammlung der Lyrik und Kurzprosa von Lessie Sachs (1897-1942) herausgegeben. Lessie Sachs hatte in München Kunst studiert. Eine Zeichnung von ihr erschien bereits 1919 in der Zeitschrift „Der Orchideengarten“.

Ihre ersten literarischen Veröffentlichungen stammen aus 1930. 1933 kamen die Nazis in Deutschland an die Macht. 1936 marschierte das Deutsche Reich in Österreich ein. Sie schrieb meist kleine Alltagsbeobachtungen in Feuilletons. Ein Genre, das viel geschmäht – „Feuilletonist“ ist für viele ein Schimpfwort –, viel gelesen und bewundert wird. Lessie Sachs veröffentlichte vor allem im „Simplicissimus“, in der „Vossischen Zeitung“, im „Neuen Wiener Tagblatt“.

1937 emigrierte die Jüdin zusammen mit ihrer Familie – sie hatte 1933 den österreichischen Komponisten und Pianisten Josef Wagner geheiratet – in die USA. Da blieb dann fast nur noch der „Aufbau“. In einem 80-seitigen Nachwort informieren die Herausgeber über Leben und Werk von Lessie Sachs. Ein Blick zurück in die Feuilletons Wiens und Berlins. In die große Zeit des Feuilletons, in eine Zeit, in der man bereits wusste, dass sie dabei war, zu Ende zu gehen.

Also geht es in diesem Buch nicht nur um die Vergangenheit. Es gibt Zeilen darin, die sind von erschreckender, ja verstörender Aktualität. Da ist etwa die „Vossische Zeitung“ vom 17.11.1932. Und darin von Leslie Sachs das kurze Gedicht „Die Panik kam zum Mittelstand“: „Die Panik kam zum Mittelstand;/ Der Mittelstand erschrak so sehr,/ Lief immer hin und immer her,/ Und zappelte wie ein Insekt,/ Das man erschreckt,/ In einem Glase Milch entdeckt./ War keine Hilfe bei der Hand?/ Wer solches sah und mitempfand,/ Fühlt durch die Sache, die verfehlt,/ Sich voller Mitleid und gequält./ Der Mittelstand, dem dies geschah,/ War nicht mehr da./ Bis man ihn schließlich wieder sah,/ Lebendig, doch als Unterstand.“ 

Zum Buch

Lessie Sachs. Das launische Gehirn, Jürgen Krämer und Christiana Puschak (Hrsg.), 320 Seiten, Aviva, 20 Euro.

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