Kolumne

Eine Summe, zwei Einkommen

Eine Erzieherin bekommt im Monat so viel Geld für ihre Arbeit, wie VW-Chef Winterkorn am Tag. Ist das gerecht?

Von Sabine Rennefanz

Ein Mann, eine Frau: Er arbeitet in einer Firma, die ein Produkt herstellt, dessen Image ruiniert ist. Das Produkt ist laut, stinkt und jedes Jahr an einer hohen Zahl von tödlichen Unfällen beteiligt. Sie arbeitet in einem Betrieb, der Dienstleistungen anbietet, die immer mehr Menschen in Anspruch nehmen. Ihre Arbeit ist körperlich und geistig fordernd, man braucht Geduld, Kraft, Sensibilität, Aufmerksamkeit, ihr Erfolg ist nicht in Börsenkursen zu messen.

Er baut Maschinen, sie formt Menschen. Sie erhält dafür etwa 2400 bis 3100 Euro brutto im Monat. Ihm wird als Rente laut Zeitungsberichten dasselbe gezahlt – pro Tag. Ist das gerecht? Er ist Martin Winterkorn, Chef des Volkswagen-Konzerns, sie eine der vielen Berliner Kita-Erzieherinnen. Darf man diese Jobs überhaupt vergleichen?

Ich bin in einer DDR aufgewachsen, in der es zwar keinen Einheitslohn gab, aber längst nicht solche Bandbreiten in der Bezahlung wie heute, die kein Mensch mehr versteht. Als die Wiedervereinigung stattfand, lernte ich, dass ich von nun an in einer Leistungsgesellschaft lebe. Es mag im Nachhinein naiv klingen, aber ich habe das so verstanden, dass es nicht auf Beziehungen, Geschlecht und Herkunft ankommt, sondern nur auf Talent, Einsatz, Disziplin. Der VW-Chef ist für Milliarden von Verlusten verantwortlich und muss jetzt Ermittlungen über sich ergehen lassen, wird aber dennoch belohnt. Wer wundert sich da, dass viele Menschen im Land das Gefühl haben, es laufe etwas schief?

Die Erzieherinnen in den Kitas, man könnte auch Hebammen, Altenpflegerinnen, Krankenschwestern nennen, übernehmen mehr Aufgaben, ohne angemessen bezahlt zu werden. Sie sollen Trösterin sein und Therapeutin, Kreativtrainerin und Sprachlehrerin, Familiencoach und Sachbearbeiterin. Und das alles mit Bio-Essen und musikalischer Früherziehung. Auch wenn man den VW-Chef herauslässt, wird es nicht besser. Selbst Paketzusteller verdienen mehr als Erzieherinnen.

Was sagt das über eine Gesellschaft aus, dass sie diejenigen, die sich um die schwächsten und jüngsten Mitglieder kümmern, so gering schätzt? Liegt es daran, dass die Beschäftigten überwiegend Frauen sind? Sind Frauen nicht von Natur aus am liebsten mit Kindern zusammen, wozu brauchen sie da noch Geld? Wahrscheinlich ist es wichtiger, dass ein Amazon-Paket pünktlich geliefert wird, als ein Kind mit einem pädagogisch wertvollen Programm zu betreuen.

Wenn über die schulischen Probleme von Migrantenkindern geredet wird, sagen Politiker, die Erziehung muss schon in den Kitas anfangen. Und wer bekommt von der neuen rot-rot-grünen Regierung mehr Geld? Die Erzieherinnen? Nein, die Grundschullehrer. In Berlin sind über eintausend Erzieherstellen unbesetzt. Jeder, der ein Kita-Kind hat, lebt mit den Folgen, dem überlasteten, oft dauerkranken Personal, der hohen Fluktuation, den schlecht qualifizierten Quereinsteigern, den unmotivierten Zeitarbeitskräften. Es gibt Kitas, in denen sich eine Erzieherin wegen Unterbesetzung um zwanzig Kinder kümmern muss. Um pädagogisch wertvolle Programme geht es da längst nicht mehr, sondern nur noch um Verwahrung.

Diese Woche haben die Berliner Kita-Erzieherinnen ihre Arbeit niedergelegt, um für eine bessere Bezahlung zu kämpfen. Sie verdienen jede Unterstützung.

Sabine Rennefanz ist Autorin.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare