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Rücksichtslosigkeit im innerstädtischen Straßenverkehr. (Symbolbild)

Verkehr

Eine Raserei, als gäbe es kein morgen

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Einige Autofahrer sind nicht bereit, Sekunden ihrer Zeit einem anderen zu schenken, indem sie ihm Vorfahrt gewähren. Verkehrsplaner müssten mit der Nahkampfbereitschaft der Kraftfahrer rechnen. Die Kolumne.

Eigentlich bin ich keiner der Menschen, die immerzu am Fenster lehnen und beobachten, was sich unten auf der Straße so tut. Erstens bin ich kraft meiner diversen Umtriebigkeiten nicht viel zu Hause, zweitens habe ich in meiner Wohnung nur Dachfenster, und die verfügen bekanntlich nicht über ein Fensterbrett, auf das man ein Kissen oder eine Bettwurst legen könnte, um bequem seinen Beobachtungsposten einzunehmen. Außerdem kann ich von meiner Warte hoch oben aus architektonischen Gründen nur einen winzigen Ausschnitt der Straße einsehen.

Das war bisher immer langweilig, seit kurzer Zeit allerdings ist alles anders. Wegen einer Baustelle hat man die Straße vor meinem Haus direkt an der von mir einsehbaren Stelle etwa vierzig Meter lang halbseitig gesperrt. So haben gemäß der Straßenverkehrsordnung die Autos auf der freien Bahn automatisch Vorfahrt, die entgegenkommenden müssen sich gedulden. Für Ahnungslose, Doofe und Vergessliche ist dieses Agreement auch noch mit einem Verkehrszeichen dokumentiert. Allein, es hilft nicht. Denn eigentlich müsste das System bestens funktionieren, so viel Verkehr ist bei uns nicht. Seine Ertüftler haben aber offensichtlich nicht mit der Nahkampfbereitschaft des durchschnittlichen Kraftfahrers gerechnet.

Ich bin, ehrlich gesagt, auch verblüfft. Es sind nämlich beileibe nicht nur die üblichen Verdächtigen, die unangenehm auffallen, also Breitreifenfahrer, Tiefergelegte, Basswummerer, Bespoilerte und Böhse Onkelz. Auch nicht tagträumende Damen, die mit schweren schwarzen Geländewagen gerade vom Yoga kommen und deswegen geistig noch in anderen Sphären mäandern, genauso wenig Automobilisten jenseits der Achtzig mit entsprechend verminderter Reaktionsfähigkeit.

Alle geben sie noch extra Gas

Nein. Alle, fast ausnahmslos alle, von der Gemüsehändlerin bis zum Immobilienkaufmann, aus allen Gesellschaftsschichten, Männlein und Weiblein. Alle geben beim Erblicken der Sperre nochmal extra Gas und rasen von beiden Seiten auf die halbe Fahrbahn zu, als gäbe es kein morgen. Die mit Vorfahrtsrecht, um jenes bis aufs Blut zu verteidigen, die anderen, um es sich zu erkämpfen. Dass zwischen den beiden Kombattanten immerzu noch einige Radfahrer feixend hindurchflitzen, versteht sich in der Großstadt von selbst und trägt nicht eben zur Deeskalation der Situation bei. Die aber sind schnell weg, und so kommt es auf halber Höhe der beengten Fahrbahn zum Duell. Stoßstange an Stoßstange stehend wird dann geröhrt und gehupt, geschimpft und gezetert, mehrfach sogar fast geprügelt. So lange, bis sich einer oder eine geschlagen gibt und maulend den Rückwärtsgang einlegt.

Das geschieht nicht gelegentlich, sondern ständig, unabhängig vom Verkehrsaufkommen, Tag und Nacht, etwa alle zehn Minuten – und das gibt mir zu denken. Zum einen war ich mal der Meinung, das krankhafte Verhältnis Mensch/Automobil hätte sich verbessert.

Außerdem – schlimmer noch – stellt sich mir die Frage: Wenn jemand nicht mal fähig ist, sieben Sekunden seiner Zeit einem anderen Menschen zu schenken, indem er ihm Vorfahrt gewährt, wie sehr ist der dann bereit, auch nur auf ein Quäntchen seines Wohlstands zu verzichten, etwa zugunsten anderer Menschen, die von Not und Elend in unser Land getrieben werden?

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

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