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Eine professionelle Deformation

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Von: Markus Decker

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Katrin Göring-Eckardt und Cem Özdemir - ganz mutig.
Katrin Göring-Eckardt und Cem Özdemir - ganz mutig. © afp

Die Grünen sind nicht nur bürgerlicher, sondern auch opportunistischer geworden. Ein Kommentar.

Journalisten ist es manchmal zu eigen, hinterher für unausweichlich zu halten, was sie vorher nicht haben kommen sehen. Umso deutlicher sei hier gesagt, dass auch die Grünen mitsamt ihrer Spitzenkandidaten Katrin Göring-Eckardt und Cem Özdemir den Schulz-Hype zu Jahresbeginn nicht ahnen konnten. Da sah es noch so aus, als werde die SPD mal wieder in die Knie gehen und die Linke mal wieder nicht regierungsfähig sein.

Angesichts dieser Lage Kurs auf Schwarz-Grün zu nehmen, war nachvollziehbar. Ebenso wohlfeil ist es, die Spitzenkandidaten infrage zu stellen. Sie sind von der Basis gewählt. Auch wäre Schleswig-Holsteins ebenso talentierter wie realpolitischer Umweltminister Robert Habeck nur oberflächlich betrachtet ein Kontrastprogramm gewesen. Und schließlich ist absurd, dass mit Schulz plötzlich einer mehr Frische und Zukunft verkörpern soll als das zehn Jahre jüngere Spitzenduo, obwohl er ähnlich lang im Geschäft ist.

Trotzdem legt der Schulz-Hype eine grüne Schwäche offen. Denn die Partei ist über die Jahre nicht nur immer bürgerlicher, sondern auch opportunistischer geworden. Sie koaliert längst mit allen, die nicht bei drei auf dem Baum sind, und feiert dies als Wert an sich. Dass Koalitionsverhandlungen an Inhalten scheitern, kommt nicht mehr vor. Der Sündenfall war 2013. Da forderten die Grünen vehement Steuererhöhungen und scheiterten. Schlimmer jedoch war, dass sie die Forderung danach ebenso vehement wieder ad acta legten.

Hinter all dem verbirgt sich eine professionelle Deformation. Je länger Leute in der Politik sind, desto stärker wird der Drang, Inhalte machtstrategisch zu sehen. Irgendwann werden diese Leute und ihre Parteien dann unkenntlich. Die Grünen sollten daher weniger fragen: Wie ziehen wir wieder in die Regierung ein? Sie sollten fragen: Was braucht dieses Land? Und dieses Land braucht neben Weltoffenheit und ökologischer Modernisierung mehr sozialen Ausgleich, weil zu viel Ungleichheit die Demokratie aushöhlt – und daher auch eine andere, wenngleich keine radikal andere Steuerpolitik.

Ob die Grünen bei der Wahl wachsen werden, ist unterm Schulz-Hype so oder so zweifelhaft. Ein Ergebnis wie beim letzten Mal wäre fast schon ein Erfolg.

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