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Zum Thema Flüchtlinge wurde im Wahlkampf auf die extremen Aussagen der AfD fokussiert und mit Abgrenzung reagiert. Das Ergebnis war eine angstgeprägte gesellschaftliche Verunsicherung.

Bildung

Für eine Politik ohne Angst

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Furcht, Schmerz und alte Verletzungen prägen oft unser Handeln. Damit bewusst umzugehen, ist auch eine Frage der Bildung. Ein Gastbeitrag von Frank E. P. Dievernich.

Es wird auf dieser Welt viel geforscht. Dabei wird oft nicht berücksichtigt, welchen Einfluss Persönlichkeit und Biografie der Forschenden auf Herangehensweise, Schlussfolgerungen und das Ergebnis haben. Konkret: Welchen Einfluss haben die erlebten Verletzungen einer Person darauf, wie er/sie die Welt konstruiert und wahrnimmt?

Meine These: Wir handeln (unbewusst) täglich, aber auch in wichtigen Entscheidungssituationen, unter dem Einfluss von persönlich in der Vergangenheit zugefügten Schmerzen. Daraus kann keine neue schöne Welt entstehen, wenn man sich dieses Automatismus nicht bewusst ist.

Achtsamkeit mit sich und seiner Historie sollte sehr früh in der Persönlichkeitsentwicklung geübt werden. Spätestens jedoch im Studium sollte Raum dafür geschaffen werden, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen, um sich so selbst besser verstehen zu können. Wenig könnte spannender sein als die Erforschung der eigenen Denkmuster. Pointierter formuliert: Wann beginnen wir zu verstehen und zu hinterfragen, warum wir in einer bestimmten Weise beobachten, beschreiben, bewerten – und handeln?

Das ist keine theoretische Frage; vielmehr kann ihre Beantwortung einen Beitrag für ein besseres Miteinander und eine zukunftsfähige Gesellschaft leisten. Ein Beispiel aus der Politik: Zum Thema Flüchtlinge wurde im Bundestagswahlkampf auf die extremen Aussagen der AfD fokussiert und von den Vertretern anderer Parteien überwiegend mit Abgrenzung reagiert. Das Ergebnis war und ist eine angstgeprägte gesellschaftliche Verunsicherung. Die AfD positioniert sich als der mutige Mahner, der unbequeme Wahrheiten ausspricht.

Mir erscheint es nicht mutig, mit den diffusen Ängsten der Bevölkerung zu spielen und die Befürchtungen sogar noch zu befeuern. Mutig wäre es gewesen, denjenigen, die glauben, dass ihnen kein Gehör geschenkt wird und sie von Fremden verdrängt werden, zu sagen, dass es kein Zurück in eine Welt der Nationalstaaten gibt. Eigentlich muss sich jeder selbst fragen, woher seine/ihre individuelle Angst (vor dem Fremden) eigentlich kommt. Was in diesem Wahlkampf fehlte, war der Mut der Wähler/-innen, sich mit ihrer eigenen Angst zu beschäftigen und (sich) zu hinterfragen.

Zahlreiche Angebote dafür gibt es: Es ist keineswegs esoterisch, sich in einem Stille-Seminar mit seinen Fragen, Ängsten und Prägungen auseinanderzusetzen. In der Stille beginnt man, sich selbst zu hören und mit sich selbst zu kämpfen. Wenn dazu noch Fragen zur eigenen Biografie und den damit verbundenen Enttäuschungen und Schmerzen gestellt werden, dann zeigen sich rasch die blinden Flecken. Man erkennt, dass das eigene Handeln auf erlittenen Verletzungen beruht und/oder durch Vermeidungs- und Abwehrmechanismen gesteuert wird.

Mit diesem Filter beobachten wir, bilden uns Meinungen und konstruieren eine Welt, die somit schmerz- und angstgetrieben ist. Aus dieser Perspektive heraus entwickeln wir individuelle (Überlebens-)Strategien und verlieren unsere Mitmenschen aus den Augen. Empathie verkümmert, der Kopf bestimmt unser Tun. Aus gutem Grund: Fühlen kann schmerzen, die Ratio aber kann Empfindungen ausblenden.

Wie sähe also eine AfD aus, deren Führungsspitze (und ihre Wähler/-innen) sich einer Stille-Woche ausgesetzt hätten? Kann man sich vorstellen, dass sich Staatenlenker wie Trump, Putin, Erdogan und Kim Jong Un in eine solche Auszeit begeben, um mehr über ihre persönlichen Verletzungen zu erfahren, und sich danach gegenseitig tief in die Augen schauen?

Politik kann studiert, erforscht und praktiziert werden. Das macht einen aber noch nicht zu einem verantwortungsvollen, mitfühlenden Politiker. In Zeiten der Globalisierung braucht es mehr denn je Politiker, die fähig sind, sich von ihren angstgetriebenen Mustern zu lösen; die nicht in eine archaische Herrschsucht verfallen. Wer angstgetrieben ist, kann nicht anders, als die Krim zu besetzen, Schriftsteller einzusperren, mit Wasserstoffbomben zu drohen und wissenschaftliche Fakten als Fake News zu bezeichnen.

Sicher kann man nicht von jedem Menschen erwarten, dass er/sie sich auf die Suche nach seinen Verletzungen macht. Man kann aber sehr wohl erwarten, dass Hochschulen entsprechende Angebote machen. Studierende sollten in Zeiten radikal verkürzter Halbwertzeiten von Fachwissen vor allem an eine reflektierte Persönlichkeitsentwicklung herangeführt werden. Sie persönlich sind das anwendungsorientierte Forschungsfeld, das sie ein Leben lang bearbeiten müssen.

Die Welt kann ein bisschen besser werden, wenn wir nicht auf eine neue Politikergeneration warten, sondern jeder das Heft der Selbsterkenntnis in die eigene Hand nimmt. Beginnen wir damit, diesen Gedanken in die Köpfe der Studierenden zu pflanzen, die jetzt wieder an die Hochschulen strömen. Still muss das nicht ablaufen.

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